René Martens http://renemartens.posterous.com Most recent posts at René Martens posterous.com Wed, 25 Jan 2012 07:49:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (37) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-37 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-37

In dem Film „Tödliche Keime aus der Massentierhaltung", den das ZDF heute Abend in seiner Dokureihe „ZDFzoom“, zeigt, geht es um den potenziell tödlichen Krankheitserreger MRSA, der durch den Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung entsteht. Daran erkranken jährlich mehrere tausend Menschen - unter anderem, weil er im Auftauwasser von Tiefkühlgeflügel vorkommen kann, wie das Robert-Koch-Institut bei einer Untersuchung festgestellt hat.  

Bei den Recherchen für den in Kooperation mit Spiegel TV entstandenen Film kam heraus, dass die Situation dramatischer ist als angenommen. Der Autor und Spiegel-TV-Redakteur Torsten Mehltretter hat mit Dick Heederik gesprochen, einem Umweltmediziner an der Uni Utrecht, der herausgefunden hat, dass sich MRSA auch über die Luft in Windeseile verbreitet. Somit sind Menschen, die im unmittelbaren Umfeld von Großmastanlagen leben, tendenziell gefährdet - ein bisher wenig berücksichtigter Aspekt. 

Einmal ist der Autor dabei, als in einem Mastbetrieb, der 39.000 Hühner hält, Veterinäre die Antibiotikarückstände der Tiere kontrollieren. Die Hühnermassen wecken Erinnerungen an eine Reportage über den Wiesenhof-Konzern, die vor einigen Monaten in der ARD lief und zahlreiche ausführliche Zeitungsartikel über industrielle Massentierhaltung nach sich zog. Mehltretter betont aber, er habe längst an seinem Film gearbeitet, als die ARD ihre Reportage sendete. Abgesehen davon geht es in der ZDF-Doku nicht um das Leiden, das die Turbolandwirtschaft für Tiere mit sich bringt, sondern um die Folgen, die der Wunsch nach billigem Fleisch für die Menschen hat. Geiz ist nicht nur geil, er kann auch lebensgefährlich sein.

„Tödliche Keime aus der Massentierhaltung", ZDF, 25. Januar 2012, 23.00 Uhr. Eine andere Version des Films lief im ZDF am 16. Oktober 2011 unter dem Titel „Gefahr aus dem Stall“; damals erschien eine andere Fassung dieses Artikels in der SZ.

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Mon, 02 Jan 2012 08:20:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (36) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-36 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-36

Reporterbüros an ungewöhnlichen Locations - die lesernahe Strategie der Aargauer Zeitung.

Wenn Peter Rombach morgens um 9 Uhr das italienische Café-Restaurant Pane, Amore e Fantastica in Rheinfelden betritt, das bei den Ortsansässigen kurz Paf heißt, sind rund 15 bis 20 Menschen im Raum. Er kennt sie fast alle. Rombach ist in gewisser Hinsicht auch ein Stammgast, aber auf andere Weise als die Handwerker und Geschäftsleute, die hier um diese Zeit Kaffee trinken und Zeitung lesen. Vielmehr hat der Redakteur der Aargauer Zeitung (AZ) hier seinen Schreibtisch - zwar nicht in der Gaststube, aber in einem Nebenraum.

Seit rund einem Jahr arbeitet Rombach hier. Acht solche so genannten Reporterbüros hat die AZ in den Bezirken des Kantons Aargau eingerichtet: Ein Kollege in Reinach teilt sich das Büro mit einem regionalen Gemeindeverband, in Wohlen sitzt eine Miniredaktion bei einem Computerhändler, nachdem es in den Ausstellungsräumen eines Bildhauers zu klein geworden war. Die Arbeitsverhältnisse erinnern einerseits ein bisschen an die Shop-im-Shop-Modelle, die in den vergangenen Jahren in der Geschäftswelt an Bedeutung gewonnen haben. Vor allem reagieren die Aargauer mit ihrem Konzept auf Social Media, und zwar auf eine für eine Zeitung eigentlich naheliegede Weise: Man vernetzt sich enger mit dem Leser, aber nicht digital, sondern analog.

Die Idee, solche Büros einzurichten, entwickelte sich bei der AZ im Zuge einer generellen Umstrukturierung. Die Produktion der Zeitung, die vorher auf verschiedene Orte verteilt war, wurde am Hauptsitz in Aargau zentralisiert. „Wir haben uns damals gesagt: Wir können nicht ständig zentralisieren, wir müssen auch verstärkt an die Front gehen und ein entsprechendes Zeichen setzen“, sagt Werner De Schepper, der stellvertretende Chefredakteur der AZ. Man habe sich die Frage, wie man näher an das Publikum heranrücken kann, dann „vom Leser aus gestellt“. 

Die Strategie sei auch wichtig im Hinblick auf die Konkurrenz durch Umsonstblätter, mit der sich fast alle Qualitätszeitungen in der Schweiz konfrontiert sehen. Bezahlte Zeitungen müssten „ein Gesicht haben“, um sich von den „am Desk produzierten Gratiszeitungen“ abzusetzen, erläutert De Schepper. Wichtig sei es gewesen, dass in den neuen Außenbüros „im Ort fest verankerte Personen“ zum Zuge kommen, lediglich in einem Fall bekam ein Korrespondent ein ihm bisher unbekanntes Gebiet zugeteilt. Ein weiteres wichtiges Kriterium: „Wir wollten sichtbare Büros haben, damit unser Redakteur von den Bürgern leicht zu finden ist“, sagt De Schepper. 

Das Paf in Rheinfelden, wo 12.000 Menschen leben, ist dafür ein gutes Beispiel. Es befindet sich in einer Marktgasse in einer Altstadt, dort, wo das kleinstädtische Leben am heftigsten pulsiert. Der Raum, in dem Peter Rombach arbeitet, dient manchmal auch für Veranstaltungen, vor allem in der Weihnachtszeit finden hier Theateraufführungen für Kinder statt, manchmal auch Lesungen und Kleinkunstabende. Rombachs Büro ist lediglich durch einige Aktenschränke vom Veranstaltungsbereich abgetrennt.  

Wenn Rombach durchs Paf geht, kommt er immer wieder ins Gespräch mit den Gästen. „Dann erhält man auch öfter mal einen Tipp. Und wenn im Sommer mein Fenster, das auf ein Gässchen führt, offen ist und draußen Stadtführungen stattfinden, kommt man fast automatisch mit Passanten ins Gespräch.“ Generell seien die „die kurzen Wege ein Vorteil“, sagt er, er könne vom lokalen „Buschfunk“ viel besser profitieren als früher, als er pendelte. Da fuhr der in Rheinfelden lebende Journalist morgens ins 25 Kilometer entfernte Büro in Frick und abends wieder zurück. 

Rombach erwähnt mehrere Informationen, die er seiner ständigen Präsenz vor Ort verdankt und die sich als Beginn einer wichtigen Recherche entpuppten: Mal ging es um Entwicklungen beim örtlichen Wasserkraftwerk, dessen Ökostrom auch nach Deutschland, auf die andere Seite des Rheins, geliefert wird, mal um die Videoüberwachung von öffentlichen Gebäuden, mal um den Streit um ein Rebengelände. Einen Nachteil hat der Redaktions-Standort Restaurant allerdings. Er fühle sich als Einzelkämpfer, die unmittelbare Kommunikation mit den Kollegen fehle ihm, sagt Rombach. Wenigstens steht ihm manchmal ein Praktikant zur Seite.

Zumindest im Fall Rheinfelden, wo die AZ ihre Außenstelle in einem gastronomischen Betrieb eingerichtet hat, erinnert das Konzept entfernt an die „Open Newsroom“-Strategie, die die Lokalzeitung The Register Citizen in der US-Stadt Torrington seit Ende 2010 verfolgt. Zu deren Redaktionsräumen, an die ein Café angegliedert ist, hat jeder Bürger Zugang; das gilt auch für die Themenkonferenzen.

Auch bei AZ-Mann Eddy Schambron in Muri, dem Hauptort des gleichnamigen Bezirks, ist das Büro ständig offen. Das könne manchmal lästig sein, sagt er. „Man ist nicht nur Journalist, sondern Repräsentant der Zeitung und damit Ansprechpartner für alles Mögliche.“ Es kommt vor, dass Leute bei Schambron vorbeischauen, um sich über Artikel aus der Aargauer Zeitung zu beschweren, mit denen er gar nichts zu tun hat. Andere sprechen ihn an, weil sie in den Urlaub fahren und ihr Abo unterbrechen wollen.

Ähnlich wie der Kollege Rombach in Rheinfelden profitiert Schambron vom „lokalen Bekanntheitsgrad“ des Gebäudes, in dem er arbeitet. Der Laden heißt Grolimunds Badewelten, ein großes Sanitärfachhandelsgeschäft. „Ich muss niemandem erklären, wo mein Büro liegt, ich muss nur sagen, ich sitz‘ beim Grolimund.“

Wie Rombach ist sich auch Schambron sicher, dass einige Geschichten nur in Gang gekommen sind, weil er als Ansprechpartner für „Fragen und Ideen“ der Bürger stets zur Verfügung steht. Zuletzt war dies bei einem Artikel der Fall, in dem es um Forderungen einiger örtlicher Kulturinstitutionen an die Gemeinde ging. Der AZ-Redakteur sagt, die Kulturvertreter seien darauf erpicht gewesen, dass die Dokumente, die er auftreiben konnte, nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil dort mit geschönten Zahlen argumentiert worden sei. Im Fall Rombach und Schambron rentiert sich das volksnahe Reporterbüromodell der AZ nicht nur, weil sie mehr recherchieren können. Vizechef De Schepper ist jedenfalls aufgefallen: „Sie schreiben auch mehr Artikel, weil sie viel seltener im Auto sitzen.“ 

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift Drehscheibe (Ausgabe 13/11).

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Mon, 05 Dec 2011 08:08:00 -0800 Bonusstracks & Outtakes (35) http://renemartens.posterous.com/bonusstracks-outtakes-35 http://renemartens.posterous.com/bonusstracks-outtakes-35

Joao Havelanges IOC-Rücktritt ist ein willkommener Anlass, hier einen Auszug aus einem Havelange-Porträt von mir zu publizieren, das 2005 unter dem Titel „Der Torquemada des Weltfußballs“ in dem von Gerd Fischer und Jürgen Roth herausgegeben Buch „Ballhunger. Vom Mythos des brasilianischen Fußballs“ (Verlag die Werkstatt) erschien.

„Ich kann hier 72 Stunden bleiben, ohne zu pissen, zu scheißen, zu essen oder zu schlafen. Sie andererseits können in dieser Zeit sehr wohl sterben.” Die Szene, die sich 1982 an einem heißen spanischen Sommermorgen im Büro Raimundo Saportas abspielte, würde auch gut in einen Gangsterfilm passen. Saporta war seinerzeit bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zuständig für die Verteilung der Eintrittskarten, und der Mann, der über das baldige Ableben des spanischen Funktionärs spekulierte, war gewissermaßen ein Kollege - allerdings der mächtigste von allen: der Brasilianer Joao Havelange, Präsident der Fédération Internationale de Football Association (FIFA). 

Der Herrscher des Fußball-Weltverbands brachte an diesem Morgen 400 Eintrittskarten zurück. Havelange hatte für das WM-Match Brasilien gegen UdSSR für ein paar Freunde aus seinem Heimatland 400 Tickets bestellt, und 400 hatte er bekommen. Das Problem: Seine Günstlinge - absolute Ehrenmänner verschiedener Provenienz, darunter Politiker und Fußballbosse - bekamen Plätze hinter einem der Tore zugewiesen, während es Havelange für selbstverständlich hielt, dass sein Gefolge auf der VIP-Tribüne logiert. Nachdem Saporta seinem Gast mitgeteilt hatte, dass er für diesen Bereich keine 400 Karten zur Verfügung habe, reagierte der kühl wie ein Kredithai. Er schritt zur Tür, verriegelte sie, steckte den Schlüssel ein und schloss sämtliche Fenster, was den übergewichtigen Saporta zusätzlich nervös machte. Dann fiel der denkwürdige Satz, mit dem Havelange seine Kondition, seine Blase und seinen Enddarm pries. 2O MInuten später - nicht 72 Stunden - marschierte er aus dem Büro. Mit 400 VIP-Karten in der Tasche. Saporta hatte in Panik ein paar Anrufe getätigt.

Diese Episode vermittelt eine Ahnung davon, warum Funktionärskollegen, Geschäftspartner und Journalisten den 24 Jahre lang amtierenden FIFA-Präsidenten mit allerlei wenig schmeichelhaften Spitz- und Beinamen bedacht haben: „Sonnenkönig”, „Väterchen” (in Anspielung auf Stalin), vor allem aber „Pate” resp. „Godfather” (in Anspielung auf den Original- und den deutschen Titel von Francis Ford Coppolas Mafiafilm-Trilogie). Den originellsten Vergleich verdanken wir der italienischen Tageszeitung „Gazetto dello Sport”: Sie erinnerte das Treiben des Mannes, der laut Geburtsurkunde Jean Marie Faustin Godefroid Havelange heißt, an Senor Tomás de Torquemada, jenes spanische Organisationstalent, das die Inquisition auf ein neues Niveau hievte. Torquemeda (1420 - 1498) verachtete alle Menschen, die nicht katholisch waren - und Havelange mit ungefähr derselben Inbrunst alle Mitarbeiter, die er  für korrekt, pflichtbewusst oder sonstwie weltfremd hielt.

 

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Fri, 02 Sep 2011 09:43:00 -0700 Bonustracks & Outtakes (34) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-34 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-34

Die Version in der taz (http://bit.ly/qwy56u) war heute etwas kürzer, deshalb hier nun, vor allem angesichts der Außergewöhnlichkeit des Films, eine längere Rezension zu „Die Guantanamo-Falle“ (morgen im NDR Fernsehen, 23 Uhr):

Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Murat Kurnaz nicht mehr bereit war, im US-Gefangenenlager Guantanamo die ständigen Fragen nach einer Verbindung zu Al-Qaida zu beantworten. „Wenn ihr es noch mal hören möchtet, spult die Bänder zurück und hört es euch noch einmal an.“ Er wurde hart dafür bestraft, dass er bei diesem Geständniserzwingungsspiel nicht mitgemacht hat: mit dem Entzug von Nahrung und Wasser. Kurnaz saß von 2001 bis 2006 unschuldig in Guantanamo, obwohl der CIA und dem BND seit 2002 klar war, dass er nichts verbrochen hatte.

Ende August jährte sich die Befreiung des Bremer Deutsch-Türken zum fünften Mal - das ist einer der Anlässe für die Ausstrahlung der 90-minütigen Dokumentation „Die Guantanamo-Falle“ im NDR Fernsehen am Sonnabend. Regisseur Thomas Selim Wallner erzählt aber auch hier zu Lande weniger Geschichten: die des spanischen Rechtsanwalst Gonzalo Boye, der vor einigen Jahren im Gefängnis gefoltert wurde, weil er vermeintlich mit der ETA kooperiert hatte, und nun versucht, sechs hochrangige Mitglieder der Bush-Administration wegen Folter und Kriegsverbrechen zur Verantwortung zu ziehen; die der Rechtsberaterin Diane Beaver, die ein Gutachten verfasste, in dem sie diverse brutale Verhörmethoden als legal einstufte; und die des einst in dem Camp tätigen Militärjuristen Matthew Diaz, der eine Liste mit den Namen von 550 Inhaftierten aus dem Lager schmuggelte, weil er es mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte, das System Guantanamo zu stützen. Er saß deshalb sechs Monate im Gefängnis, später wurden ihm sämtliche Qualifikationen aberkannt, seine Existenz vernichtet. 

Es geht in Wallners Film, an dessen Finanzierung fünf TV-Sender beteiligt sind, nicht allein um den rechts- und moralfreien Raum Guantanamo, in dem immer noch 170 Menschen gefangen sind, sondern auch darum, dass Guantanomo für Menschen, die dort weder inhaftiert sind noch waren, eine Falle sein kann, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Wallner arbeitet einige Pointen heraus, die so unwirklich sind wie vieles, was rund um das Camp geschehen ist. Diaz und Beaver sind auf unterschiedliche Art Opfer eines Verrats geworden: Ersterer hatte seine Liste an die Menschenrechtsanwältin Barbara Olshansky geschickt, doch diese leitete den Brief ans FBI weiter, weil sie ihn für einen Scherz oder eine Falle hielt. Beaver wurde wegen ihres Folter-Gutachtens zum Sündenbock aufgebaut, damit höherrangige Verantwortliche aus der Schusslinie kamen. Für die irritierenden Informationen, die der Film vermittelt, findet Wallner adäquate Bild-Ton-Kompositionen: Wenn Kurnaz bei nächtlichen Autofahrten zu sehen ist, blendet der Regisseur Tonaufnahmen von Verhören im Camp ein; wenn der Ex-Gefangene in einem Bremer Imbiss mit dem Personal über seine Lage redet, nimmt er innen den Ton auf, postiert die Kamera aber draußen vor der Glasfront.

Bei allen Protagonisten dringt Wallner ins Private vor: Wir sehen, wie Kurnaz‘ Mutter sich beschwert, weil ihr Sohn beim Essen mit dem Besteck zu laute Geräusche macht, wir sehen, wie Beaver ihre Hunde in einem Plantschbecken mit dem Gartenschlauch abspritzt. Mit ihrer Sturköpfigkeit spielt sich Beaver hier in den Vordergrund. Dass die US-Regierung sie im „Krieg gegen den Terror“ geopfert hat, hält Beaver, Oberstleutnant a.D., nicht davon ab, diesen Krieg hat, erbittert zu verteidigen. Gleichzeitig sorgt Wallner dafür, dass sich Beaver hier auf eine Weise öffnet, die für eine politische Dokumentation unüblich ist und mit der man überhaupt nicht rechnet bei einer Person, die eine hohe Stellung beim Militär bekleidet hat. Beaver verliert die Fassung, als es um ihre private Einsamkeit geht. Sie habe „noch nicht den Richtigen gefunden“, schluchzt sie. Und so geschieht etwas, was man angesichts des Leidens in Guantanamo, das Beaver mitzuverantworten hat, eigentlich gar nicht möchte: Wallner zwingt einen geradezu, Mitleid zu haben mit dieser fürchterlichen Juristin - eine außergewöhnliche Leistung, aber eine, für die man Wallner kaum loben mag.   

Wenn man Aussagen nicht kommentiere, werde das als Zustimmung aufgefasst, sagt der Filmemacher. Deshalb habe Beaver sich bei ihm „geborgen“ gefühlt - „so komisch das klingt“. Er stellt das in einen größeren Zusammenhang: Wenn man derart viel erreiche, indem man jemanden zuhöre, sei das ein Indiz dafür, dass die Fähigkeit zuzuhören heute nicht mehr sonderlich ausgeprägt sei.

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Wed, 31 Aug 2011 07:44:00 -0700 Das waren die Achtziger (1) http://renemartens.posterous.com/das-waren-die-achtziger-1 http://renemartens.posterous.com/das-waren-die-achtziger-1
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St. Paulis Ex-Spieler und Ex-Coach spielte von 1979 bis 1983 für Bayers Fußballfiliale.

Quelle: www.comicpeter.de (via @LizasWelt)

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Tue, 02 Aug 2011 09:15:00 -0700 Bonustracks & Outtakes (33) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-33 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-33
Am 1. August verstarb der legendäre St.-Pauli-Spieler Harald Stender. Das folgende Stender-Porträt ist in einer etwas kürzeren Version unter dem Titel „Wenn ein Tankwart Beethoven hört“ in der aktuellen Auflage von Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli erschienen. Die erste Version erschien 1997.

 

„Mein Lieblingsspieler aus der heutigen St. Pauli-Mannschaft der 1980er und 1990er Jahre ist Klaus Thomforde. Ich konnte nie verstehen, was manche Leute gegen ihn hatten. Wie der sich in den Dienst der Mannschaft gestellt und es akzeptiert hat, hinter Ippig und Reinke auf der Bank zu sitzen - das war bewundernswert.” 

 

Dieses Bekenntnis Harald Stenders sagt auch viel darüber aus, was für ein Spielertyp er selbst war. Solidität, Einsatzwillen, Zuverlässigkeit - all das hat er 15 Jahre lang am Millerntor verkörpert, bevor er 1960 wegen beruflicher Überbelastung seine Karriere beenden mußte. Als 24jähriger war er, das ergab 1948 eine Leserumfrage der „Hamburger Morgenpost”, bereits der „beliebteste Sportsmann” der Stadt. 

 

Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist im nachhinein ein Rätsel. Jedenfalls ein medizinisches. Als Jugendspieler hatte sich Stender, 1924 nahe der Grenze zwischen St. Pauli und Altona geboren, einmal einen Bluterguss am Zeh zugezogen. Eigentlich harmlos, aber eigenartigerweise traten unmittelbar darauf Leistenbeschwerden auf, gegen die kein Arzt ein Gegenmittel fand. 

 

Einen potentiellen Höhepunkt seiner jungen Karriere erlebte Stender 1942 somit nur als Zuschauer. Die Hamburger Jugend-Auswahl bestritt in Berlin das Vorspiel für das Finale um die Deutsche Meisterschaft, das Schalke mit 2:0 gegen Vienna Wien gewann. Immerhin konnte er zu diesem Sieg einen Beitrag leisten. „Heinz Flotho, der Schalker Torwart, hat sich damals meine Hose ausgeliehen”, erzählt Stender. 

 

Als Soldat spielte der St. Paulianer dann nur Handball, Fußball war weiterhin nicht möglich. „Aber kaum war ich aus dem Krieg zurück, waren die Beschwerden weg”, erzählt Stender. Seine Frau Inge mutmaßt, die Schmerzen seien womöglich psychosomatisch bedingt gewesen seien und die Erleichterung über das Kriegsende der Grund für das fortan beschwerdefreie Kicken. Doch ihr Gatte hält diese Hypothese für „Quatsch“.

 

Als Höhepunkt seiner Karriere nennt Stender, der heute im dörflichen Duvenstedt lebt und gern Klavierkonzerte von Beethoven hört, die Halbfinalspiele um die Meisterschaft in der britischen Zone im Jahr 1948. Der FC musste zweimal gegen Borussia Dortmund ran, bis er als Endspielteilnehmer feststand. „Die Spiele sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil auf der Gegenseite August Lenz stand, und der war schon Nationalspieler, als ich noch ein Kind war.” Lenz, Jahrgang 1910, ist so etwas wie Dortmunds Ernst Kuzorra.

 

Ungern erinnert sich Stender, ebenso wie seine St. Paulianer Kollegen Schönbeck, Appel, Hempel und Zimmermann, hingegen an die Länderpokal-Vorschlussrunde im Januar 1950. 55 000 Zuschauer, die größte Kulisse, vor der eine Hamburger Auswahl nach 1945 aufgelaufen ist, wollten in Ludwigshafen die Pfalz siegen sehen. Und wurden vollauf befriedigt, denn die von Sepp Herberger betreute Mannschaft gewann gegen die Norddeutschen unerwartet hoch mit 5:0. Warum? „Der Platz war eine Eisbahn, und wir rutschten nur hin und her, weil wir Stollenschuhe trugen. Herberger dagegen war clever, der hat seine Leute mit Turnschuhen spielen lassen”, erzählt Stender. Der Läufer vom Millerntor, dessen Spezialität es damals war, den gegnerischen Spielmacher auszuschalten, hatte gegen Fritz Walter an diesem Tag nichts zu bestellen.

 

Ein besonders wichtiges Jahr in seinem Leben war 1951. Aus dreierlei Gründen: Er nahm an einem Sichtungs-Lehrgang für die DFB-Auswahl teil, zog sich im Februar bei einem 5:2-Sieg gegen Werder Bremen einen doppelten Schädelbasisbruch zu und kam - obwohl der Vereinsarzt nach dem Unfall noch konstatiert hatte, dass „da nichts mehr zu machen” sei - vier Wochen später gerade noch rechtzeitig aus dem Krankenhaus raus, um als Pächter eine Tankstelle in der Stresemannstraße, unweit des Millerntor-Stadions, zu übernehmen. 

 

„Natürlich war dieses berufliche Engagement meiner Laufbahn, vor allem im Hinblick auf mögliche Einsätze in der Nationalmannschaft, nicht gerade förderlich”, sagt Stender. „Es dürfte meiner sportlichen Entwickung allerdings mehr geschadet haben, dass ich später öfters die Positionen gewechselt und statt Läufer auch Halbstürmer und Rechtsaußen gespielt habe.”  

Das seltsamste Erinnerungsstück an seine sportlich stärkste Zeit ist eine Postkarte, 1951 geschrieben, aber erst 16 Jahre später abgestempelt. „Als 1967 Karl Miller beerdigt wurde, erzählte Sepp Herberger mir etwas von Genesungswünschen, die er mir hatte schicken wollen, als ich mit doppeltem Schädelbasisbruch im Krankenhaus lag. Aus irgendeinem Grund hat er sie ursprünglich nicht abgeschickt. Ein paar Tage nach der Trauerfeier hatte ich die Karte, unterzeichnet von allen Spielern, die 1951 beim 3:2 gegen die Schweiz dabei waren, dann tatsächlich im Briefkasten”, sagt Stender. War schon ein komischer Kauz, dieser Herberger.

 

Im Gegensatz zu anderen St. Pauli-Größen der 50er und 60er Jahre hat Stender den Kontakt dem Verein, dem er seit dem 1. April 1933 angehört, nie abreißen lassen. Bis 1994 hat er für eine Seniorenmannschaft des FC noch Punktspiele bestritten - und danach stand er noch einige Jahre dem Ehrenrat vor.

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Tue, 21 Jun 2011 01:08:00 -0700 Medien, Märkte, Meinungen (21) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-21 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-21

Nach meinem Eindruck steht in Texten über das Totenkopfsymbol allzu oft der Piraten-Aspekt im Vordergrund, wobei die Piraten dann auch noch auf eine Weise idealisiert werden, die mit den historischen Gegebenheiten wenig zu tun hat. Nicht zuletzt deshalb ist in der aktuellen Jungle World Martin Schusters fünfseitigen Dossier „Im Zeichen von King Death. Eine kleine Ikonographie des Totenkopfs“ so lesenswert. Er betont:

„Während die klassischen Piraten gerade mal 30 Jahre lang, rund um das Jahr 1700, unter ihren Jolly Rogers segelten, blieb das Abzeichen für die nächsten 300 Jahre ein Bestandteil der militärischen Tradition (...) Ein heimeliges und wohliges Gefühl, den Genuss des militärischen Gehorsams, erzeugte der Schädel (...) bei seinen Trägern (...) Spätestens seit der Gründung des (Zweiten) Deutschen Reiches, im Krieg gegen Frankreich 1870/71 (an dem auch die preußischen Totenkopfhusaren mitwirkten), galt bei den Husaren ‚das eigenartige Abzeichen an der Stirn‘ als das ‚Zeichen der Treue bis in den Tod‘ (...) 

Und um noch kurz ins 20. Jahrhundert zu springen: 

„Wie der Erste Weltkrieg die Kriegsführung und das Töten radikalisierte, so radikalisierte sich auch das alte Husarenabzeichen. Nach der Tendenz, das Zeichen des Todes ausschließlich auf seinen Träger zu beziehen, erlangte es nun seine alte, aggressive Bedeutung zurück. (...) 

Zum Artikel: http://bit.ly/iohgkg

 

 

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Tue, 14 Jun 2011 03:09:00 -0700 Bonustracks & Outtakes (32) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-32 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-32

In der Funkkorrespondenz (FK), Ausgabe 20/11, erschien von mir ein Artikel zum 50-jährigen Jubiläum des Politmagazins Panorama und zum heutigen Start des Ablegers Panorama Nord. Weil er auf der FK-Seite nicht mehr frei online steht, stelle ich ihn nun hier zur Verfügung (in einer minimal abgewandelten Version). 

 Als am Montag, den 11. März 1974, um 20.15 Uhr im ersten Programm der ARD die Sendung „Panorama“ begann, bot sich dem Zuschauer ein ungewohntes Bild. Zu sehen war nur Jo Brauner - der damalige Sprecher der „Tagesschau“ saß im Vordergrund auf einem Stuhl. Ansonsten wirkte das Studio wie ausgestorben. Die Sendung begann schließlich mit einer Erklärung der Redaktion des Politikmagazins, die Brauner verlas. Hintergrund war ein vom NDR-Programmdirektor bereits abgenommener Film zum Thema Abtreibung, der kurzfristig dann doch nicht geendet werden durfte. Nachdem am Tag der Sendung ein Artikel in der Bild-Zeitung erschienen war, kam ARD-intern eine Debatte in Gang, die damit endete, dass die Mehrheit der Intendanten gegen die Ausstrahlung votierte. Und so las Brauner vor: „Peter Merseburger und die Autoren der Sendung betrachten die solchermaßen veränderte Panorama-Sendung nicht mehr als eine, die sie präsentieren und moderieren wollen. Die Moderationstexte werden deshalb verlesen.“ Merseburger war damals Redaktionsleiter, und dass die Autoren nicht im Studio waren, spielte eine Rolle, weil es seinerzeit Usus war, dass sie selbst ihre Beiträge anmoderierten. 

Immerhin lief am Freitag darauf um 20.15 Uhr im NDR Fernsehen eine fast zweistündige Diskussionssendung, in der auch die inkriminierte Film zu sehen war. Unter den Streitenden waren Alice Schwarzer, die Autorin des Beitrags, und der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, der die Absetzung des Films ausgelöst hatte, Interessant ist an diesem Fall nicht nur die Selbstzensur, sondern der transparente Umgang mit hausinternen Konflikten. Zur besten Sendezeit etwas über einen Streit ums Programm zu erfahren, wäre heute kaum denkbar. Die Sendung über den nicht gesendeten Film hatte ein Vorbild: Im August 1969 hatte man im NDR Fernsehen eine Diskussion ins Programm genommen, die sich um einen - allerdings tatsächlich gesendeten Beitrag - drehte, in dem der Autor Gerhard Bott der CDU vorwarf, sie versuche am rechten Rand Stimmen zu gewinnen. In der Sendung zum Film - direkt nach der Tagesschau im NDR Fernsehen zu sehen - saßen drei Vertretern von CDU/CSU und drei Journalisten.

Solche Besonderheiten werden in diesen Tagen noch einmal gewürdigt - Anlass dafür ist der 50. Geburtstag der Sendung, deren erste Ausgabe am 4. Juni 1961 lief. Rekapituliert wird die Historie der Sendung unter anderen in dem im Redline Verlag erschienenen Buch „Die Unbequemen. Wie Panorama die Republik verändert hat“, verfasst von der „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke. Die Geschichte von „Panorama“ sei „auch die Geschichte der Bundesrepublik“, und es gebe viele Geschichten zu erzählen, für die im Fernsehen kein Platz sei, sagt Reschke.

„Panorama“ gilt heute als Label für investigativen Journalismus. Im großen Stil sei die Sendung damit erst „nach der Wende“ aufgefallen, sagt Redaktionsleiter Volker Steinhoff. Vorher habe man nicht mit „Enthüllungen im eigentlichen Sinne“ für Schlagzeilen gesorgt, sondern mit „Tabubrüchen“ und „Majestätsbeleidigungen“. Kurz gesagt: „Früher haben wir die Welt verändert, ohne viel zu enthüllen.“ Im Umkehrschluss könnte das heißen: Heute enthüllen wir viel, ohne die Welt zu verändern. Aber das wäre vielleicht eine etwas zu böswillige Interpretation.

Schaut man sich beispielsweise den Beitrag zum Thema Abtreibung von 1974 an, fällt auf, dass dieser mit investigativem Journalismus tatsächlich nichts zu tun hatte. Im Zentrum stand eine Protestaktion gegen den Paragrafen 218, die Berliner Ärzte organisiert hatten. „Panorama“ hatte diese gefilmt, jede andere Fernsehsendung hätte dies auch tun können.

Als Beispiel für wahre Enthüllungen beziehungsweise „Primärrecherchen“, mit denen man „Politik gemacht“ habe, nennt Steinhoff die Arbeit zum Thema BND in Bagdad. Im Januar 2006 berichtete „Panorama“, dass Deutschland, entgegen der offiziellen Politik der rot-grünen Bundesregierung, sich 2003 sehr wohl am Krieg gegen den Irak beteiligt hatte, zumindest indirekt, weil der Nachrichtendienst BND den US-Militärs wichtige Informationen geliefert hatte. Der Beitrag hatte zur Folge, dass wenige Tage nach der Sendung zunächst ein parlamentarischer Kontrollausschuss einberufen wurde. Im April des Jahres beschloss der Bundestag dann sogar, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der schließlich drei Jahre tagen sollte. Teilaspekte des Themas in einer Sendung im Dezember 2010 noch einmal vertieft.

Dass besagter „Panorama“-Film eine große Wirkung hatte, ist offensichtlich. Interessant ist aber auch, dass Politiker solche Wirkungen nicht mehr als gefährlich wahrnehmen. In den 60er Jahren hatten die Parteien noch Angst vor „Panorama“, jedenfalls büßten mehrere Redaktionsleiter aus politischen Gründen ihren Posten ein. Gert von Paczensky beispielsweise, einer der Gründer der Sendung, musste seine Leitungsfunktion bereits 1963 aufgeben. Die CDU-Mitglieder im Verwaltungsrat hatten eine Vertragsverlängerung verhindert, indem sie diversen Sitzungen fern geblieben waren. 

1971 nahm der CSU-Politiker Franz Josef Strauß einen Beitrag in „Panorama“ zum Anlass, den NDR als „rote Reichsfernsehkammer“ zu bezeichnen, die die Zuschauer manipuliere. Solche Beschimpfungen sind selten geworden, in den Jahren 2002 beziehungsweise 2003 ließen Ronald Schill, damals Innensenator in Hamburg, und der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) diese fragwürdige Tradition noch einmal aufleben. Schill bezeichnete „Panorama“ als ein „Schweinemagazin“, das „Stasi-Methoden“ anwende. Kohl schimpfte, die Sendung habe „mit Journalismus nix zu tun“, einige ihrer „Machenschaften“ aber mit „Landesverrat“. Abgesehen von solchen verbalen Ausfällen gilt: „Heute lassen Politiker Panorama in Ruhe ... Ich persönlich kann mich an keinen Versuch der direkten oder indirekten Einflussnahme auf Panorama durch Staatskanzleien oder Ministerpräsidenten erinnern“, schreibt Reschke, die die Sendung seit 2001 moderiert. Das sollte den Machern auch zu denken geben, denn diese Gelassenheit könnte mit dem immer wieder konstatierten Relevanzverlust der politischen Magazine zusammen hängen. Wenn ein Film von „Panorama“ heute Auseinandersetzungen auslöse, fänden diese auf juristischer Ebene statt - das betont Frank Beckmann, Programmdirektor des NDR. Diese Entwicklung ist auch das Ergebnis einer verschärften Presserechtsprechung, die die Berichterstattung erschwert und spezialisierte Anwälte zu kleinen Medienbranchenstars werden lässt. 

Will man Unterschiede zu früher in den Blick nehmen, bietet sich unter medienjournalistischen Gesichtspunkten eine Äußerung Luc Jochimsens an, die in Raymond Leys Film fällt. „Früher gab es ja noch Rezensionen“, sagt die Journalistin und heutige Linken-Politikerin, die zwischen 1975 und 1985 der Redaktion von „Panorama“ angehörte. Diese Rezensionen erschienen am übernächsten Tag in der Zeitung. Das Genre solcher Nachkritiken hat zwar in der jüngeren Vergangenheit ein Revival erlebt, und zwar im Internet - was es sich mit sich bringt, dass diese Kritiken schon am Morgen nach einer Sendung erscheinen können. Bezeichnenderweise widmen sich diese Nachkritiken aber nicht Politmagazinen, sondern Talksendungen wie „Anne Will“ und „Hart aber fair“.

Auf eine letztlich wesentlichere Veränderung der Sendung weist Anja Reschke hin: „In den Anfangsjahren des Magazins war das Fernsehen tatsächlich noch Hort intellektueller Auseinandersetzung. Auch intellektuelle Größen wie Martin Luther King, Jean-Paul Sartre, Karl Jaspers oder Günter Grass waren zu Gast in unserem Studio und philosophierten über Menschenrechte oder die Zukunft der Demokratie. Diese Zeiten sind vorbei und derart ausführliche Gespräche möchte heute niemand mehr in politischen Magazinsendungen sehen.“ Als Beispiel für solche ausführlichen, sehr grundsätzlichen Interviews findet man in Leys TV-Dokumentation ein Gespräch Peter Merseburgers mit Herbert Marcuse, in dem es unter anderem darum geht, unter welchen Bedingungen Gewalt legitim ist. Warum nun will so etwas „niemand“ mehr sehen? Reschke schreibt: „Grund für den Niedergang des Fernsehens als intellektuelle Plattform ist neben der sich wandelnden Gesellschaft und ihrem vollkommen anderen Medienverhalten auch die Einführung des Privatfernsehens. Und das verdanken die Politiker sich selbst. Gerade die CDU wollte dem Fernsehen  politische Deutungshoheit entziehen, sodass man sich bewusst für eine schleichende Entautorisierung des Fernsehens entschied.“

Das ist nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Reschke blendet aus, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen ihren Beitrag zur Veränderung des „Medienverhaltens“ geleistet haben. Es ist ja nicht so, dass das Privatfernsehen in den 80er Jahren sozusagen die Macht übernommen hätte. Zudem muss sich - im Idealfall - die Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Magazins nicht all zu viel darüber grübeln, was „die Leute“ vermeintlich sehen wollen. Wenn sie der Auffassung ist, ein langes Interview mit einem bedeutenden Intellektuellen sei bei einem bestimmten Thema der beste journalistische Weg, dann sollte sie so selbstbewusst und souverän sein, es zu senden - ungeachtet der Befürchtung, das könne Zuschauer verschrecken. Das führt zu einer anderen Frage: Gibt es denn heute überhaupt noch Intellektuelle vom Range eines Jean-Paul Sartre oder Herbert Marcuse oder nimmt man ihre - vermeintlichen - Nachfolger nicht mehr wahr, weil sie in den Medien nicht mehr so zur Geltung wie einst die großen Denker der 60er Jahre?

Mittlerweile stellt sich die Situation auf dem Medienmarkt so dar, das „Panorama“ „Beiboote“ beziehungsweise „eine Familie“ braucht, wie Frank Beckmann es formuliert. Man habe sich vor einigen Jahren gefragt, „wie wir dieses Traditionsmagazin am Leben erhalten können“, erläutert Stephan Wels, Abteilungsleiter Innenpolitik beim NDR und zuständig für Panorama. 2008 startete das Presenter-Format „Panorama - Die Reporter“. Die bekanntesten „Panorama“-Geschichten der jüngeren Vergangenheit - über den Textildiscounter kik sowie den politisch bestens vernetzten Finanzdienstleistungsunternehmer Carsten Maschmeyer - liefen zunächst in der „Reporter“-Reihe im NDR Fernsehen. Später griff man die Themen dann in der Muttersendung auf, im Fall Maschmeyer, der zudem die bisher massivsten juristischen Attacken gegen „Panorama“ auslöste, auch mehrmals. Darüber hinaus entstanden eigenständige Filme zu kik und Maschmeyer für die Reihen „ARD exklusiv“ beziehungsweise „die story“.

Das neueste „Beiboot“ ist „Panorama Nord“, ein für norddeutsche Themen konzipierter Ableger. Zunächst sind drei Folgen vorgesehen, die am 14., 21. und 28. Juni um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen laufen. Der NDR spricht in diesem Fall von einem „Experiment“; keiner der Verantwortlichen mag sich derzeit zu Spekulationen darüber verleiten lassen, ob und unter welchen Umständen es nach den drei Folgen im Juni weiter gehen könnte. Experimente hätten es nun mal an sich, dass man nicht wisse, wie sie ausgehen, philosophiert Stephan Wels. 

„Es wundert mich, dass nicht auch ‚Monitor‘ Ableger testet“, sagt Andreas Cichowicz, Chefredakteur des NDR Fernsehens. Spin-offs wie „Panorama - Die Reporter“ oder „Panorama Nord“ resultieren unter anderen aus dem Wissen, dass es ein äußerst schwieriges Unterfangen ist, neue Sendeformate mit einem neuem Namen zu etablieren. Angesichts dessen gebe er lieber ein „Markenversprechen“ und mache „mein eigenes ‚Geolino‘ auf investigativ“, sagt Cichowicz launig. Er spielt damit auf Entwicklungen auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt an, an denen sich „Panorama“ orientiert. In der Printbranche ist die Gründung von Ablegern gang und gäbe. Das Monatsmagazin Geo (Gruner + Jahr) ist eines der aussagekräftigsten Beispiele dafür, wie sich eine „Markenfamilie“ ausdehnen lässt. Es gibt neun Ableger, die auf 8- bis 13-Jährige ausgerichtete Zeitschrift „Geolino“ ist einer davon. Auch von dem ebenfalls von Gruner + Jahr verlegte Magazin „P.M.“ existieren neun Ableger. Eine Zeit lang warb der Hamburger Großverlag für diese Ausdehnungsstrategie mit dem Schlagwort „Expand your brand“.

Die „Beiboote“ sind notwendig, um auf die Unübersichtlichkeit des Medienmarkts zu reagieren. Weil immer mehr Inhalte angeboten werden und immer mehr Absender hinzu kommen, reicht es nicht mehr, alle drei Wochen auf Sendung zu gehen. Indem man Ableger schafft, reagiert man überdies auf die Verhältnisse innerhalb der ARD. Zum einen auf die Verkürzung der Sendezeit auf 30 Minuten, die seit Januar 2006 gilt und es zwangsläufig mit sich bringt, dass die Redaktion weniger Themen unterbringen kann; zum anderen auf die ausgebliebene Reduzierung der Politmagazinmarken auf die bekanntesten - eine Idee, die der NDR befürwortete, als darüber in der Branchenöffentlichkeit noch ausgiebig diskutiert wurde. „Inzwischen ist die Debatte eigentlich tot“, sagt Cichowicz.

Hätte man sich in der ARD dazu durchringen können, einige Titel aufzugeben (was ja nicht bedeutet hätte, die jeweiligen Redaktionen aufzulösen) und die bekannteren Marken zu stärken, wäre für „Panorama“ der Ausbau der „Markenfamilie“ möglicherweise weniger dringlich gewesen. Vorstellbar sei auch das Format „Panorama - Interview“ - wenn auch nicht kurzfristig, wie Chefredakteur Cichowicz betont, denn derzeit herrsche in der ARD ja kein Mangel an „Interviewsendungen“. Gäbe es so ein Format, so spekuliert Cichowicz, könnte man vielleicht auch Politiker überzeugen, sich von „Panorama“ interviewen zu lassen. Viele von ihnen lehnen das derzeit ab, weil sie in einer Magazinsendung zuwenig „Fläche“ bekommen.

In diese Richtung argumentiert zum Beispiel Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der in Reschkes Buch zu Wort kommt: „Ich wäre immer bereit, folgende Vereinbarung zu treffen: Der Befrager ist mit im Bild, die Situation dauert fünf Minuten, und es wird nichts geschnitten. Dann gehe ich in jedes politische Magazin.“ Hier kommt eine Mischung aus Weltfremdheit und Selbstüberschätzung zum Ausdruck, denn kein Journalist, ob er nun für ein Politmagazin im Fernsehen arbeitet oder nicht, mag sich den Aufbau und die Gewichtung seines Betrags von einem Gesprächspartner vorschreiben lassen. Es mag sich also zwar etwas geändert haben an der Einstellung der Politiker zu „Panorama“. Falsche Vorstellungen von der Sendung haben sie aber offenbar immer noch.

 

 

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Fri, 25 Mar 2011 07:42:00 -0700 Bonustracks & Outtakes (31) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-30-0 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-30-0

Aus einem Leserbrief von St.-Pauli-Mitglied Rainer Steinkamp an konkret zu meiner in der März-Ausgabe anlässlich der Sozialromantikerproteste gestellten Frage „Gibt es einen richtigen Fußball im falschen?“:

„Richtigen Fußball (kann) es nicht geben. Fußball ist Kapitalismus ist Fußball. Leistung lohnt sich, der Stärkere gewinnt, Konkurrenzkampf, Auslese, Arbeitsteilung ... Zentrale Charakteristika der Produktionsverhältnisse bilden sich nicht nur geradezu prototypisch für den Überbau im Fußball ab, die Sportart ist ohne auch gar nicht vorstellbar. Fußball ist Teil des falschen Leben im falschen, allerdings und zugebenermaßen ein faszinierender. In einem richtigen Leben wird es keinen Fußball geben. Was allerdings einer der wenigen Gründe ist, mit dem Kommunismus noch ein wenig zu warten.“ 

 http://bit.ly/hCaaNK (vorletzter Brief auf der Seite)

 

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Fri, 25 Mar 2011 07:41:00 -0700 Medien, Märkte, Meinungen (20) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-20 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-20

„The ongoing debate over anonymous comments on newspaper websites“ lautet die Überschrift eines Blogbeitrags von Martin Belam alias @currybet, der beim Guardian als „information architect“ fungiert. Der Text zeigt, dass es wichtig ist, dass die Debatte weiter geht. Das Wörtchen „ongoing“ in der Headline dürfte deutsche Leser im übrigen auch daran erinnern, dass die Diskussion hier zu Lande in etwas kleinerem Rahmen stattfindet.

Should journalists always read the comments underneath their articles?”

lautet eine weitere hier ventilierte Frage.

http://bit.ly/hIJnDs

 

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Tue, 15 Mar 2011 06:47:00 -0700 Medien, Märkte, Meinungen (19) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-19 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-19

Das Thema Blogger vs. Journalisten gibt manchmal durchaus noch einen interessanten Aspekt her - wie ein Vortrag des New Yorker Journalismus-Professors Jay Rosen beim South by Southwest Festival zeigt. Er passt zum letzten Post über die Arbeitsbeschreibung bzw. das Selbstverständnis von Journalisten (http://bit.ly/gFD4ns). In einer Zusammenfassung gibt der Guardian Rosens Äußerungen so wieder:

 

"No one ever says I went into journalism because I had a passion for being objective". People become journalists because they want to change the world but "when they get there they find the professional codes prevent this".

 

Rosen bezieht sich dabei direkt auf die strikten, weltfremden Social-Media-Guidelines der Washington Post, aber war er sagt, traf im Prinzip auch schon zu prä-digitalen Zeiten zu. Oder, um das Ganze ein bisschen weiterzudrehen: Nicht zuletzt die - in der Regel ungeschriebenen - „professional codes“ sind ein Grund für die immer mal wieder beklagte sinkende Relevanz (einiger) etablierter Medien.

 

Guardian: http://t.co/Q0sVcAC

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Wed, 02 Mar 2011 05:26:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (30) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-30 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-30

Mein Artikel „Nach Wikileaks“ für das Schweizer Medienmagazin Edito (über WL, die neuen Leak-Plattformen sowie das Buch „Staatsfeind Wikileaks“) steht mittlerweile als PDF online. Für mich ein willkommener Anlass, den aus Platzgründen gekürzten Schluss der Besprechung des Spiegel-Buchs von Marcel Rosenbach und Holger Stark nachzureichen, wo ich deren Satz „Der Angriff auf den politischen Kern des Systems ist in der Arbeitsbeschreibung der allermeisten Journalisten nicht vorgesehen“ erläutere: „Rosenbach / Stark formulieren damit aber auch eine Kritik am Selbstverständnis des Journalismus, die auch angemessen wäre, wenn Wikileaks nicht existierte. Eine Kritik an politischen Journalisten, die jene, über die sie berichten, im weitesten Sinne als Partner sehen. Ob derlei aus dem Munde von Redakteuren des Spiegel, der seit Anfang der 90er Jahre viel von seinem Nimbus als gesellschaftskritisches Medium eingebüßt hat, nicht etwas seltsam tönt - das steht freilich auf einem anderem Blatt.

http://www.edito-online.ch/downloads/wikileaks0111d.pdf

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Tue, 15 Feb 2011 10:26:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (29) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-29 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-29

Für die aktuelle Ausgabe des journalist habe ich über das Thema Newsgames geschrieben. Bei einem Interview mit Ian Bogost, einem Professor für Videogames am Georgia Institute of Technology - er entwickelt dort mit einem Team eine Spiele-Software, die tagesaktuelle Ereignisse aufgreifen kann -, kam am Rande auch ein auf den ersten Blick abseitiger Aspekt zur Sprache: Wie wichtig sind eigentlich Kreuzworträtsel für die Leserschaft einer Zeitung? In dem Buch „Newsgames: Journalism at play“, das Bogost mit einigen Co-Autoren geschrieben hat, heißt es dazu:

„Statistics on the matter are hard to come by, as the question is one that publishers might not want to ask ... But in a 2004 interview, Will Shortz mentioned survey results suggesting that 27 percent of newspaper readers play the crossword occassionally ... Another study by Richard Browne of the London Times estimated that 10 percent of their readership (or roughly 75.000 people) did the crossword regularly.“ 

Der hier zitierte Browne schließt daraus, dass die Zahlen bei allen großen Tageszeitungen ungefähr gleich seien - wobei sich die im Vergleich mit den USA größere Affinität in Großbritannien dadurch erkläre, dass einige Staatsoberhäupter im Vereinigten Königreich als Kreuzworträtsel-Fans auffällig geworden seien.

„There‘s also reason to believe that many readers of more ‚serious‘ papers would be reluctant to admit that they buy them just for the puzzles.“ 

Bei einer Umfrage der Rätsel- und Denksport-Plattform Archimedes-Lab.org sei, so Bogost und Co. weiter, herausgekommen, dass „nur 13 Prozent“ die Frage „Do you buy a newspaper just to do the puzzles?“ mit „never“ bentwortet hätten. Dass spielerische Elemente in Zeitungen seit langem verankert sind und relativ viele Leser sie als wichtig empfinden, stimmt Bogost optimistisch, was die Etablierung von Newsgames angeht. Man kann aber auch eine andere Interpretation in den Vordergrund rücken: Weniger Menschen als gedacht kaufen Zeitungen wegen ihrer journalistischen Inhalte. Und deshalb ist es eben gar nicht so abwegig, sich mit der Bedeutung von Kreuzworträtseln für Zeitungen zu beschäftigen.

Infos zum Buch „Newsgames“: http://www.bogost.com/books/newsgamesbook.shtml

 

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Thu, 03 Feb 2011 04:10:00 -0800 Medien, Märkte, Meinungen (18) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-18 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-18

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Aus medien- und sportjournalistischer Sicht vielleicht die Meldung des Tages - eine Pressemitteilung des Europäischen Gerichtshofs: „Nach Ansicht von Generalanwältin Kokott verstoßen territoriale Exklusivitätsvereinbarungen bei der Übertragung von Fußballspielen gegen Unionsrecht. Das Unionsrecht ermöglicht es nicht, die Live-Übertragung von Premier-League-Fußballspielen in Gaststätten unter Verwendung ausländischer Decoderkarten zu untersagen.“ Das Ende des Pay-TV-Fußballmarkts, wie wir ihn kannten? Wird die Causa Bosmansche Ausmaße haben? (via @hplehofer) 

 

Hintergrund: http://www.bbc.co.uk/news/business-11452434

Update: So sieht es die Premier League: http://goo.gl/qyQLF (via @FCBusiness)

 

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Tue, 01 Feb 2011 08:52:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (28) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-28 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-28

Im Dezember 2003 habe ich für die FTD über Tom Bowers Buch Broken Dreams. Vanity, Greed and the Souring of British Football geschrieben, in dem er seine Recherchen im Spielerberatermilieu aufbereitet. Lange her? Ja und nein. Angesichts der überdrehten Transferaktivitäten der letzten Tage lohnt es sich, aus dem nicht online verfügbaren FTD-Text zu zitieren, und zwar schon deshalb, weil, wie mir scheint, Spielerberater in der aktuellen Berichterstattung nicht die Rolle spielen, die ihnen gebührt: 

 

Spielerberater sind an einer beständigen Karriere ihrer Klienten wenig interessiert. In den Boomjahren des Fußballs haben sie zahlreiche Transfergeschäfte vorangetrieben, von denen allein sie profitierten. (...) Der britische investigative Journalist Tom Bower, der vorher unter anderem Bücher über das Nazigold veröffentlicht hat, ist kein Fußballanhänger, aber die Macht der Spielerberater hat ihn derart irritiert, dass er in diesem Jahr ein Standardwerk zum Thema vorgelegt hat („Broken Dreams“). Der Autor präsentiert hier schockierende Indizien dafür, dass der Absturz mancher englischer Traditionsklubs nicht zuletzt Managern anzulasten ist, die viele Spielerwechsel allein aus einem Grund abwickelten: um ihnen wohlgesonnene Vermittler zu befriedigen. Ein verheerendes Beispiel gibt der Premier-League-Absteiger AFC Sunderland ab. Unter dem Manager Peter Reid, dessen Amtszeit im letzten Herbst nach sieben Jahren endete, gab der Klub für 66 Spieler 96,5 Mio. Euro aus und erwirtschaftete so eine negative Transferbilanz von 69 Mio. Euro – dagegen verblasst sogar die Kapitalvernichtungsleistung des Hamburger SV, der in den letzten fünf Jahren im Transfergeschäft ein Minus von 25 Mio. Euro machte. Noch einkaufsfreudiger als Sunderland, freilich auf niedrigerem Level, zeigte sich hier zu Lande der SV Waldhof Mannheim. Unter dem mittlerweile vereinslosen Trainer Uwe Rapolder, holte man zwischen 1997 und Mitte 2001 fast 110 Spieler. In diesem Sommer hatte der Klub nicht einmal das Geld für die Regionalliga-Lizenz (…)

 

Peter Reid wirkt aus heutiger Sicht wie ein moderater Transfermarktgänger, verglichen jedenfalls mit Felix Magath. Dessen Bilanz in Wolfsburg: 33 eingekaufte und 30 verkaufte Spieler in eineinhalb Jahren. Seine Bilanz in Schalke, wo er seit Sommer 2009 tätig ist, fällt fast identisch aus: 35 Spieler geholt, 30 abgegeben. Ach, ja: Sunderland hat sich bekanntlich mittlerweile wieder gefangen, Waldhof nicht, und Rapolder ist nicht mehr vereinslos. 

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Tue, 18 Jan 2011 06:03:00 -0800 Medien, Märkte, Meinungen (17) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-17 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-17

Heute läuft um 20.15 Uhr auf arte der außerordentlich wichtige Dokumentarfilm „Piraten vor Somalia - Mission Impossible?“ von James Rogan - ein Beitrag für den Themenabend „Geschäftsmodell Piraterie“. Unterstützt hat ihn Sam Egags, ein in Schweden lebender Somalier, der aus persönlichem Interesse die Vorgänge in seiner Heimat recherchieren wollte. Eine der Lehren des Films lautet grob gesagt: In Zeiten der Globalisierung kann man die Geschehnisse in keinem Land mehr ignorieren. Ich habe mit Rogan telefoniert, der unter anderem die sinkende mediale Präsenz des Themas kritisiert.

Was war der erste Auslöser dafür, sich mit der Piraterie an der somalischen Küste zu beschäftigen?

James Rogan: 2008 hörte ich davon, dass die Piraten die Fiana gekapert hatten, einen ukrainischen Frachter, dessen Ladung aus Panzern bestand. Ich empfand es als eine total absurde Situation, dass eine Gang von Piraten in der Lage war, einen kleinen Krieg zu beginnen. 

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Dokumentation?

Ich habe versucht, die Piraterie nicht nur aus der Perspektive des Westens zu betrachten. Ich wollte alle Beteiligten zu Wort kommen lassen: die Piraten, die Geiseln, die Verhandlungsführer und die Verantwortlichen des multinationalen Marineverbundes, die Kaperungen zu verhindern versuchen. Indem ich diese Geschichten miteinander verwebe, will ich einen Eindruck von der Komplexität des Themas vermitteln.

Was ist so komplex an dem Piraterie-Problem?

Man muss einen Blick auf die Ursprünge werfen: Die ersten somalischen Piraten kaperten große internationale Fischfangschiffe, die in der Region wilderten und den örtlichen Fischern ihre Lebensgrundlage entzogen. Da es in Somalia seit 1991 keine funktionierende Zentralregierung und auch keine Küstenwache gibt, ist sonst niemand gegen den Raubfang vorgegangen.

Einer ihrer Protagonisten ist Stephen Askins, ein Londoner Anwalt für Seerecht, der die Lösegeldverhandlungen für viele Schiffe führt. Das ist ein heikler Job, es geht um Millionensummen. War es schwierig, ihn davon zu überzeugen, ihn während der Verhandlungen filmen zu dürfen? 

Das war ein absoluter Alptraum. Wie immer bei Dokumentationen besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit darin, sich Zugang zu den handelnden Personen zu verschaffen. Ich glaube, Steven hat uns erlaubt, ihn zu filmen, weil er zunehmend frustriert darüber war, dass die Industrie nicht in der Lage war, darüber zu debattieren, wie man besten mit den Piraten umgeht. Einmal berichtete er mir, dass sich die verschiedenen Piratenclans im September 2009 getroffen hatten, um eine Strategie für die folgenden Monate zu besprechen. Das hat ihn deprimiert, weil die beteiligten Parteien im Westen zu sehr vom Konkurrenzdenken geprägt sind, als dass es möglich wäre, all die verschiedenen Anwälte, Verhandlungsführer und Versicherungen an einen Tisch zu bringen. Das Gefühl der Frustration hält an, denn das Problem wird immer schlimmer. 

Inwiefern?

Das letzte Lösegeld, das für ein Schiff gezahlt wurde, betrug neun Millionen Dollar, das war im Oktober 2010. Die durchschnittliche Lösegeldsumme stieg von 2,52 Millionen Dollar 2008 auf sieben Millionen 2010. In der Region Puntland gibt es Geschäftsleute, die einerseits die Löhne für Polizisten und Soldaten zahlen, weil der Staat es nicht mehr kann, andererseits aber auch die Piraten finanzieren. Andernorts gibt es die Möglichkeit, Anteile an Piratenorganisationen zu erwerben und im Erfolgsfall Dividende zu kassieren.

Obwohl Sie sagen, das Problem sei schlimmer geworden, ist es in den Medien weniger präsent.

Die Reedereien und die Verhandlungsführer wirken stärker auf die Medien ein, nicht über die Lösegelder zu berichten. Der andere Grund ist, dass nichts mehr neu daran ist, wenn ein Schiff gefangen genommen wird. 

Wie viele Schiffe sind derzeit in der Hand somalischer Piraten?

Als wir die deutsche Fassung des Films fertig gestellt haben, waren es 20. Inzwischen sind es mehr.

Eine Politikberaterin erwähnt im Film, für junge Männer in Somalia gebe es nur die Alternative, sich den Piraten oder den Islamisten anzuschließen. Welche Rolle spielen letztere in dieser Gemengelage? 

Sie sind die einzigen, die den Piraten effektiv Widerstand leisten. Einige Beobachter malen das Horrorszenario aus, dass sich die Islamisten selbst an Piratenaktionen beteiligen - nicht um Geld zu erpressen, sondern die gesamte westliche Wirtschaft zu attackieren. Ein Beispiel: An der somalischen Küste müssen alle Schiffe vorbei, die in den Suez-Kanal rein oder raus wollen. Wenn Islamisten dort einen Öltanker versenken, könnten sie den gesamten Verkehr durch den Suez-Kanal zum Erliegen bringen, die Auswirkungen für die Weltwirtschaft wären verheerend. 20 Prozent des Welthandels laufen hier durch.

Der Untertitel Ihres Films lautet „Mission impossible?“ Halten sämtliche Experten, mit denen Sie gesprochen haben, die Lage für verfahren?

Die verantwortlichen Marine-Offiziere fordern eine politische Lösung, weil sie mit ihren Schiffen ein Gebiet kontrollieren müssen, das sich gar nicht vollständig kontrollieren lässt. Der Golf von Aden und der nördliche Teil des Indischen Ozeans sind so groß wie zwei Drittel der Landesfläche der USA. Zudem haben die Piraten keine Angst um ihr Leben. Das ist auch im Alltag in Somalia ständig gefährdet. Die Hauptstadt Mogadischu ist Kriegsgebiet, da kann man auf der Straße jederzeit eine Kugel abbekommen.

Was schlagen Sie vor?

Illegales Fischen ist weiterhin ein Problem, abgesehen davon, dass „illegal“ nicht leicht zu definieren ist. Die Frage ist, wo beginnen internationale Gewässer, und wo enden sie? Wie auch immer: Das beste Mittel im Kampf gegen die Piraten wäre es, diese Schiffe öffentlichkeitswirksam zu stoppen und die Besatzungen zu verhaften. Obwohl es den Piraten längst um das große Geld geht und nicht mehr um den Schutz einheimischer Fischer: In der Propaganda spielt letzteres Motiv immer noch eine große Rolle - und dem würde die internationale Schutzflotte den Boden entziehen, wenn sie Maßnahmen gegen den Raubfang ergriffe. Das wäre aber höchst problematisch: Welches Land, das den Marineverband unterstützt, würde einem Vorgehen gegen ein Fischfangschiff aus dem eigenen Land zustimmen? Würde man zum Beispiel ein chinesisches Fischerboot stoppen, rief das einen diplomatischen Aufschrei hervor. 

Waren die Dreharbeiten gefährlich?

In Somalia hat mein Mitarbeiter Sam Egage gedreht, ich persönlich war nicht vor Ort.

Weil es für westliche Filmemacher unmöglich ist, in Somalia zu drehen?

Nicht unmöglich, aber es wäre verrückt. Ich war in der Gefahrenregion im Golf von Aden, aber auf einem Marineschiff. Die Piraten haben mehrmals Marineschiffe attackiert - ohne zu wissen, mit wem sie sich da einlassen, weil sie nachts angegriffen haben. Insofern bin ich durchaus ein Risiko eingegangen, aber verglichen mit Sam ein sehr kleines. Er war ständig in Gefahr. Im Film gibt es eine Szene, wo man sieht, wie in seiner Nähre ein Gebäude explodiert. Einmal wurde er sogar für fünf Tage ins Gefängnis gesteckt.

 

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Mon, 10 Jan 2011 10:53:00 -0800 Medien, Märkte, Meinungen (16) http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-16 http://renemartens.posterous.com/medien-markte-meinungen-16

Dass für die gewalttätige politische Rhetorik in den USA, die aufgrund des Terroranschlags von Arizona nun weltweit ein Thema geworden ist, „beide Seiten“ verantwortlich seien, haben auch hiesige Medienverteter gern verbreitet. In einem brillanten Text sagt die Bloggerin Melissa McEwan (@Shakestweetz) dazu alles Notwendige:

 

An anonymous commenter at Daily Kos and the last Republican vice presidential nominee are not equivalent, no matter how many ridiculously irresponsible members of the media would have us believe otherwise. There is no leftist equivalent to Glenn Beck, host of a long-running nationally syndicated radio show, former host of a show on CNN and current host of a show on Fox (...) and longtime user of eliminationist rhetoric, includin equating universal healthcare to rape, joking about victims of forest fires being America-hating liberals, comparing Al Gore to Hitler (and) condoning the murder of Michael Moore. There is no leftist equivalent to Rush "I tell people don't kill all the liberals. Leave enough so we can have two on every campus—living fossils—so we will never forget what these people stood for" Limbaugh (...) Although violent rhetoric exists among US leftists, it is not remotely on the same scale, and, more importantly, not an institutionally endorsed tactic, as it is among US rightwingers. This is a fact. It is not debatable.

 

Hervorhebung im Original. Der komplette Text hier: http://tinyurl.com/4rq523t

 

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http://files.posterous.com/user_profile_pics/199733/litjuli2008_104_Kopie.jpg http://posterous.com/users/4aGafLn7Nm6d René Martens renemartens René Martens
Thu, 06 Jan 2011 09:27:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (27) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-27 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-27
Wie auch immer man zur TSG 1899 Hoffenheim steht: Die gerade gestartete Langzeitdoku „Das Leben ist kein Heimspiel“ ist sehr beeindruckend. Eine kürzere Version dieses Textes erschien in der FTD (http://bit.ly/gqGzNO)

 

Als Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech im Januar 2007 mit den  Dreharbeiten für eine Dokumentation über die TSG 1899 Hoffenheim begannen, konnten sie nicht ahnen, dass zwei Jahre später, zum Abschluss des Projekts, der Klub auf Platz eins der Bundesliga stehen würde. Dass nun wenige Tage vor dem Kinostart von „Das Leben ist kein Heimspiel“ mit Ralf Rangnick, der sportliche Architekt des Wunders von Hoffenheim, zurücktreten würde, war ebensowenig vorherzusehen.

 

Pfeiffer und Rech steigen in die Hoffenheimer Erfolgsgeschichte ein, als sich der Aufstieg in die 2. Liga anbahnt. Damals konnte es vorkommen, dass am alten Trainingszentrum an der Hauptstraße im Dorf ein Pferd vorbei läuft. Den Filmemachern ist es gelungen, geradezu intime Szenen aus dem Innenleben des Vereins einzufangen: Ob Gespräche mit Sponsoren oder Meetings zu Marketingstrategien – die Kamera ist stets dabei. In dieser Hinsicht ist „Das Leben ist ein Heimspiel“ vergleichbar mit der preisgekrönten Dokumentation „FC Barcelona - Das Jahr der Entscheidung", deren Regisseure Justin Webster und Daniel Hernández in der Saison 2003/04 ungewöhnlich nah dran waren an den Machthabern des Weltklubs.

 

Als Protagonisten haben die beiden Regisseure Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus ausgewählt, ein ungeduldiger und für seine Mitarbeiter deshalb nicht immer leicht zu ertragender Marktschreier, der den Eindruck erweckt, er würde noch im Schlaf Sätze sagen à la „Wenn unsere Kunden zufrieden sind, sind auch wir zufrieden.“ Obwohl sich Rotthaus nicht immer vorteilhaft ins Bild setzt, lässt der Film keinen Zweifel daran, dass der Marketingfachmann einen wesentlichen Anteil daran hat, dass Hoffenheim heute 30.000 Zuschauer pro Spiel anzieht - rund zehnmal so viel wie in der Saison 06/07, als der Aufstieg in die 2. Liga gelang. 

 

Die zweite Haupffigur ist Torro, der Vorsitzende des ersten Fanclubs, den es in Hoffenheim je gab. Er raucht ständig, weil man nun mal kein leichtes Leben hat als oberster Anhänger eines Vereins, der sich so rasant verändert hat wie wohl weltweit nur wenige. Der eigentlich nicht sonderlich liebenswerte Gesellen mit Böhse-Onkelz-T-Shirt entwickelt sich im Laufe des Films zu einem Sympathieträger.

Mannschaft und Trainer spielen nur Nebenrollen. Es gibt eine kurze Sequenz mit Ex-Coach Rangnick, als der mit 160 Sachen über die Autobahn rast. Und einmal sieht man, wie ein Spieler vor der Abfahrt zu einem Auswärtsspiel eine Tüte Weingummi an der Tankstelle mit einem 500-Euro-Schein bezahlt. Immer wieder gelingt es den Filmemachrn, mit solchen symbolträchtigen Impressionen Sachverhalte anzureißen, die sich aus Platzgründen nicht breiter darstellen lassen. 

 

Pfeiffer/Rech kommentieren die Entwicklung des Klubs nicht. Dem Zuschauer wird durchaus die Möglichkeit gelassen, den beispiellosen Aufstieg des Klubs zu würdigen. Vor allem rücken Pfeiffer und Rech einen Aspekt in den Mittelpunkt, der in der bundesweiten Betrachtung des Phänomens Hoffenheim bisher allenfalls eine unterordgeordnete Rolle spielte. Während die verbalen Ausschreitungen von Fans anderer Vereine gegen den Geldgeber Dietmar Hopp ein Thema waren und der Verein oft als Inbegriff für die Totalkommerzialisierung des Fußballs herhalten musste, geriet aus dem Blick, dass es auch innerhalb der Hoffenheimer Fanszene Kräfte gab, die mit Entwicklung ds Klubs ihre Probleme hatten. „Das Leben ist kein Heimspiel“ schildert die Konflikte zwischen Anhängern, die die schon in der 3. Liga dabei waren und die gehofft hatten, ihr Klub werde familiär bleiben und sich den Charme eines Dorfvereins bewahren können, und jenen, die der sportliche Erfolg angezogen hat und sonst gar nichts. So erweist es sich auf einer Sitzung des Fanclubs-Dachverbandes dann zwischenzeitlich als angebracht, darüber zu diskutieren, inwieweit das „Badnerlied“ noch geeignetes Stadionliedgut darstellt - schließlich ist der badische Klub TSG Hoffenheim darauf angewiesen, dass auch Württemberger und andere Landsmänner, die mit badischen Hymnen nichts anfangen können, in der Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim, wo der Klub seit zwei Jahren seine Heimspiele austrägt. Eintritt zahlen.

 

In der Endphase des Films geht Torro auf Krücken – ein symbolisches Bild, denn er hat seinen Einfluss verloren, im Fanreich herrscht jetzt ein feister Parvenü. Als beim Einweihhungsfest für die Rhein-Neckar-Arena die Feuerwerkskörper in den Himmel steigen, sitzt er traurig draußen auf den Treppe.  

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Wed, 22 Dec 2010 04:22:00 -0800 Bonustracks & Outtakes (26) http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-26 http://renemartens.posterous.com/bonustracks-outtakes-26

Die Tiefkühlpizza feierte in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. Da nicht absehbar ist, dass wir uns in Zukunft mehr Zeit dafür nehmen werden, Essen zuzubereiten, dürfte sie noch lange gefragt sein. Deshalb nimmt Paul Trummer in Pizza Globale eine Salami-Pizza aus dem Supermarkt als Ausgangspunkt für seine Beschreibung der weltweiten Lebensmittelwirtschaft. Recherchen in einem Tiefkühlpizza-Werk und auf Bauernhöfen dienen dazu, die Leser auf Themen zu stoßen, über die diese beim Einkaufen sonst kaum nachdenken: die Konzentration im Getreidegeschäft etwa, wo drei Konzerne 90 Prozent des Welthandels kontrollieren. Oder die Situation in der Landwirtschaft: Deutsche Bauern arbeiten pro Jahr 14 Tage mehr als der Durchschnittsbürger und müssen sich dennoch damit abfinden, dass die Getreidepreise seit 60 Jahren nicht steigen. In Ostdeutschland konnten Milchbauern 2009 ihre Arbeitskräfte nicht mehr bezahlen können, weil der Preis auf 20 Cent pro Liter sank. Und in Italien sind sowohl Bauern als auch illegale Helfer aus Afrika gezwungen, „Vermittlungsprovisionen“ an die Mafia zahlen. Weil die Saisonarbeiter wenig verdienen, sind Orangen und Oliven für den Endverbraucher günstig. Das schätzen nicht zuletzt die Deutschen, deren „Sparzwang“ der Autor aufgreift: Der Anteil der Discounter am Gesamtumsatz mit Lebensmitteln beträgt hier 40 Prozent (in Großbritannien sechs). 

Besonders spannend ist Trummers Exkurs in den grenzüberschreitenden Agrarflächenhandel: Saudi-Arabien und andere Länder kaufen fruchtbare Flächen in Afrika auf, um - nicht zuletzt angesichts der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2007 und 2008 - weniger abhängig von Importen zu sein. Auch Finanzinvestoren mischen hier mit. Trummer legt seinen Lesern nicht nur nahe, sich beim Einkaufen die Wertschöpfungskette eines Lebensmittels bewusst zu machen. Er erzählt vor allem farbige Episoden, mit denen er das Vorurteil widerlegt, der Lebensmittelhandel sei ein sprödes Thema.

„Pizza Globale. Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft“, Econ, Berlin 2010, 334 Seiten, 17,95 Euro

 

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Wed, 22 Dec 2010 03:09:00 -0800 Das waren die Nullerjahre (1) http://renemartens.posterous.com/das-waren-die-nullerjahre-1 http://renemartens.posterous.com/das-waren-die-nullerjahre-1

Fcspcottbus2004

Ein Artikel aus dem August 2004, erschienen in der verblichenen Kolumne Fußpflege unter der Grasnarbe in der taz Nord, ist angesichts der Debatte über das Publikum auf der Haupttribüne am Millerntor wieder aktuell geworden - auch wenn es damals um Zuschauer auf der alten Haupttribüne ging. Der im Text beschriebene Chefideologe sollte übrigens 2006/2007 während der Querelen zwischen Präsidium und Aufsichtsrat eine nicht unwichtige Nebenrolle spielen. Es stellte sich heraus, dass der Mann FDP-Politiker ist. Das hat mich dann doch gefreut, irgendwie.

 

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