René Martens

René Martens

René Martens  //  Freier Autor für SZ, FTD, Zeit Online, taz, konkret, Altpapier u.a.; Bücher (Auswahl): "Niemand siegt am Millerntor. Die Geschichte des legendären St. Pauli-Stadions" (2008), "Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli" (4. Auflage 2009)

Jan 25 / 7:49am

Bonustracks & Outtakes (37)

In dem Film „Tödliche Keime aus der Massentierhaltung", den das ZDF heute Abend in seiner Dokureihe „ZDFzoom“, zeigt, geht es um den potenziell tödlichen Krankheitserreger MRSA, der durch den Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung entsteht. Daran erkranken jährlich mehrere tausend Menschen - unter anderem, weil er im Auftauwasser von Tiefkühlgeflügel vorkommen kann, wie das Robert-Koch-Institut bei einer Untersuchung festgestellt hat.  

Bei den Recherchen für den in Kooperation mit Spiegel TV entstandenen Film kam heraus, dass die Situation dramatischer ist als angenommen. Der Autor und Spiegel-TV-Redakteur Torsten Mehltretter hat mit Dick Heederik gesprochen, einem Umweltmediziner an der Uni Utrecht, der herausgefunden hat, dass sich MRSA auch über die Luft in Windeseile verbreitet. Somit sind Menschen, die im unmittelbaren Umfeld von Großmastanlagen leben, tendenziell gefährdet - ein bisher wenig berücksichtigter Aspekt. 

Einmal ist der Autor dabei, als in einem Mastbetrieb, der 39.000 Hühner hält, Veterinäre die Antibiotikarückstände der Tiere kontrollieren. Die Hühnermassen wecken Erinnerungen an eine Reportage über den Wiesenhof-Konzern, die vor einigen Monaten in der ARD lief und zahlreiche ausführliche Zeitungsartikel über industrielle Massentierhaltung nach sich zog. Mehltretter betont aber, er habe längst an seinem Film gearbeitet, als die ARD ihre Reportage sendete. Abgesehen davon geht es in der ZDF-Doku nicht um das Leiden, das die Turbolandwirtschaft für Tiere mit sich bringt, sondern um die Folgen, die der Wunsch nach billigem Fleisch für die Menschen hat. Geiz ist nicht nur geil, er kann auch lebensgefährlich sein.

„Tödliche Keime aus der Massentierhaltung", ZDF, 25. Januar 2012, 23.00 Uhr. Eine andere Version des Films lief im ZDF am 16. Oktober 2011 unter dem Titel „Gefahr aus dem Stall“; damals erschien eine andere Fassung dieses Artikels in der SZ.

Jan 2 / 8:20am

Bonustracks & Outtakes (36)

Reporterbüros an ungewöhnlichen Locations - die lesernahe Strategie der Aargauer Zeitung.

Wenn Peter Rombach morgens um 9 Uhr das italienische Café-Restaurant Pane, Amore e Fantastica in Rheinfelden betritt, das bei den Ortsansässigen kurz Paf heißt, sind rund 15 bis 20 Menschen im Raum. Er kennt sie fast alle. Rombach ist in gewisser Hinsicht auch ein Stammgast, aber auf andere Weise als die Handwerker und Geschäftsleute, die hier um diese Zeit Kaffee trinken und Zeitung lesen. Vielmehr hat der Redakteur der Aargauer Zeitung (AZ) hier seinen Schreibtisch - zwar nicht in der Gaststube, aber in einem Nebenraum.

Seit rund einem Jahr arbeitet Rombach hier. Acht solche so genannten Reporterbüros hat die AZ in den Bezirken des Kantons Aargau eingerichtet: Ein Kollege in Reinach teilt sich das Büro mit einem regionalen Gemeindeverband, in Wohlen sitzt eine Miniredaktion bei einem Computerhändler, nachdem es in den Ausstellungsräumen eines Bildhauers zu klein geworden war. Die Arbeitsverhältnisse erinnern einerseits ein bisschen an die Shop-im-Shop-Modelle, die in den vergangenen Jahren in der Geschäftswelt an Bedeutung gewonnen haben. Vor allem reagieren die Aargauer mit ihrem Konzept auf Social Media, und zwar auf eine für eine Zeitung eigentlich naheliegede Weise: Man vernetzt sich enger mit dem Leser, aber nicht digital, sondern analog.

Die Idee, solche Büros einzurichten, entwickelte sich bei der AZ im Zuge einer generellen Umstrukturierung. Die Produktion der Zeitung, die vorher auf verschiedene Orte verteilt war, wurde am Hauptsitz in Aargau zentralisiert. „Wir haben uns damals gesagt: Wir können nicht ständig zentralisieren, wir müssen auch verstärkt an die Front gehen und ein entsprechendes Zeichen setzen“, sagt Werner De Schepper, der stellvertretende Chefredakteur der AZ. Man habe sich die Frage, wie man näher an das Publikum heranrücken kann, dann „vom Leser aus gestellt“. 

Die Strategie sei auch wichtig im Hinblick auf die Konkurrenz durch Umsonstblätter, mit der sich fast alle Qualitätszeitungen in der Schweiz konfrontiert sehen. Bezahlte Zeitungen müssten „ein Gesicht haben“, um sich von den „am Desk produzierten Gratiszeitungen“ abzusetzen, erläutert De Schepper. Wichtig sei es gewesen, dass in den neuen Außenbüros „im Ort fest verankerte Personen“ zum Zuge kommen, lediglich in einem Fall bekam ein Korrespondent ein ihm bisher unbekanntes Gebiet zugeteilt. Ein weiteres wichtiges Kriterium: „Wir wollten sichtbare Büros haben, damit unser Redakteur von den Bürgern leicht zu finden ist“, sagt De Schepper. 

Das Paf in Rheinfelden, wo 12.000 Menschen leben, ist dafür ein gutes Beispiel. Es befindet sich in einer Marktgasse in einer Altstadt, dort, wo das kleinstädtische Leben am heftigsten pulsiert. Der Raum, in dem Peter Rombach arbeitet, dient manchmal auch für Veranstaltungen, vor allem in der Weihnachtszeit finden hier Theateraufführungen für Kinder statt, manchmal auch Lesungen und Kleinkunstabende. Rombachs Büro ist lediglich durch einige Aktenschränke vom Veranstaltungsbereich abgetrennt.  

Wenn Rombach durchs Paf geht, kommt er immer wieder ins Gespräch mit den Gästen. „Dann erhält man auch öfter mal einen Tipp. Und wenn im Sommer mein Fenster, das auf ein Gässchen führt, offen ist und draußen Stadtführungen stattfinden, kommt man fast automatisch mit Passanten ins Gespräch.“ Generell seien die „die kurzen Wege ein Vorteil“, sagt er, er könne vom lokalen „Buschfunk“ viel besser profitieren als früher, als er pendelte. Da fuhr der in Rheinfelden lebende Journalist morgens ins 25 Kilometer entfernte Büro in Frick und abends wieder zurück. 

Rombach erwähnt mehrere Informationen, die er seiner ständigen Präsenz vor Ort verdankt und die sich als Beginn einer wichtigen Recherche entpuppten: Mal ging es um Entwicklungen beim örtlichen Wasserkraftwerk, dessen Ökostrom auch nach Deutschland, auf die andere Seite des Rheins, geliefert wird, mal um die Videoüberwachung von öffentlichen Gebäuden, mal um den Streit um ein Rebengelände. Einen Nachteil hat der Redaktions-Standort Restaurant allerdings. Er fühle sich als Einzelkämpfer, die unmittelbare Kommunikation mit den Kollegen fehle ihm, sagt Rombach. Wenigstens steht ihm manchmal ein Praktikant zur Seite.

Zumindest im Fall Rheinfelden, wo die AZ ihre Außenstelle in einem gastronomischen Betrieb eingerichtet hat, erinnert das Konzept entfernt an die „Open Newsroom“-Strategie, die die Lokalzeitung The Register Citizen in der US-Stadt Torrington seit Ende 2010 verfolgt. Zu deren Redaktionsräumen, an die ein Café angegliedert ist, hat jeder Bürger Zugang; das gilt auch für die Themenkonferenzen.

Auch bei AZ-Mann Eddy Schambron in Muri, dem Hauptort des gleichnamigen Bezirks, ist das Büro ständig offen. Das könne manchmal lästig sein, sagt er. „Man ist nicht nur Journalist, sondern Repräsentant der Zeitung und damit Ansprechpartner für alles Mögliche.“ Es kommt vor, dass Leute bei Schambron vorbeischauen, um sich über Artikel aus der Aargauer Zeitung zu beschweren, mit denen er gar nichts zu tun hat. Andere sprechen ihn an, weil sie in den Urlaub fahren und ihr Abo unterbrechen wollen.

Ähnlich wie der Kollege Rombach in Rheinfelden profitiert Schambron vom „lokalen Bekanntheitsgrad“ des Gebäudes, in dem er arbeitet. Der Laden heißt Grolimunds Badewelten, ein großes Sanitärfachhandelsgeschäft. „Ich muss niemandem erklären, wo mein Büro liegt, ich muss nur sagen, ich sitz‘ beim Grolimund.“

Wie Rombach ist sich auch Schambron sicher, dass einige Geschichten nur in Gang gekommen sind, weil er als Ansprechpartner für „Fragen und Ideen“ der Bürger stets zur Verfügung steht. Zuletzt war dies bei einem Artikel der Fall, in dem es um Forderungen einiger örtlicher Kulturinstitutionen an die Gemeinde ging. Der AZ-Redakteur sagt, die Kulturvertreter seien darauf erpicht gewesen, dass die Dokumente, die er auftreiben konnte, nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil dort mit geschönten Zahlen argumentiert worden sei. Im Fall Rombach und Schambron rentiert sich das volksnahe Reporterbüromodell der AZ nicht nur, weil sie mehr recherchieren können. Vizechef De Schepper ist jedenfalls aufgefallen: „Sie schreiben auch mehr Artikel, weil sie viel seltener im Auto sitzen.“ 

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift Drehscheibe (Ausgabe 13/11).

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Dec 5 / 8:08am

Bonusstracks & Outtakes (35)

Joao Havelanges IOC-Rücktritt ist ein willkommener Anlass, hier einen Auszug aus einem Havelange-Porträt von mir zu publizieren, das 2005 unter dem Titel „Der Torquemada des Weltfußballs“ in dem von Gerd Fischer und Jürgen Roth herausgegeben Buch „Ballhunger. Vom Mythos des brasilianischen Fußballs“ (Verlag die Werkstatt) erschien.

„Ich kann hier 72 Stunden bleiben, ohne zu pissen, zu scheißen, zu essen oder zu schlafen. Sie andererseits können in dieser Zeit sehr wohl sterben.” Die Szene, die sich 1982 an einem heißen spanischen Sommermorgen im Büro Raimundo Saportas abspielte, würde auch gut in einen Gangsterfilm passen. Saporta war seinerzeit bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 zuständig für die Verteilung der Eintrittskarten, und der Mann, der über das baldige Ableben des spanischen Funktionärs spekulierte, war gewissermaßen ein Kollege - allerdings der mächtigste von allen: der Brasilianer Joao Havelange, Präsident der Fédération Internationale de Football Association (FIFA). 

Der Herrscher des Fußball-Weltverbands brachte an diesem Morgen 400 Eintrittskarten zurück. Havelange hatte für das WM-Match Brasilien gegen UdSSR für ein paar Freunde aus seinem Heimatland 400 Tickets bestellt, und 400 hatte er bekommen. Das Problem: Seine Günstlinge - absolute Ehrenmänner verschiedener Provenienz, darunter Politiker und Fußballbosse - bekamen Plätze hinter einem der Tore zugewiesen, während es Havelange für selbstverständlich hielt, dass sein Gefolge auf der VIP-Tribüne logiert. Nachdem Saporta seinem Gast mitgeteilt hatte, dass er für diesen Bereich keine 400 Karten zur Verfügung habe, reagierte der kühl wie ein Kredithai. Er schritt zur Tür, verriegelte sie, steckte den Schlüssel ein und schloss sämtliche Fenster, was den übergewichtigen Saporta zusätzlich nervös machte. Dann fiel der denkwürdige Satz, mit dem Havelange seine Kondition, seine Blase und seinen Enddarm pries. 2O MInuten später - nicht 72 Stunden - marschierte er aus dem Büro. Mit 400 VIP-Karten in der Tasche. Saporta hatte in Panik ein paar Anrufe getätigt.

Diese Episode vermittelt eine Ahnung davon, warum Funktionärskollegen, Geschäftspartner und Journalisten den 24 Jahre lang amtierenden FIFA-Präsidenten mit allerlei wenig schmeichelhaften Spitz- und Beinamen bedacht haben: „Sonnenkönig”, „Väterchen” (in Anspielung auf Stalin), vor allem aber „Pate” resp. „Godfather” (in Anspielung auf den Original- und den deutschen Titel von Francis Ford Coppolas Mafiafilm-Trilogie). Den originellsten Vergleich verdanken wir der italienischen Tageszeitung „Gazetto dello Sport”: Sie erinnerte das Treiben des Mannes, der laut Geburtsurkunde Jean Marie Faustin Godefroid Havelange heißt, an Senor Tomás de Torquemada, jenes spanische Organisationstalent, das die Inquisition auf ein neues Niveau hievte. Torquemeda (1420 - 1498) verachtete alle Menschen, die nicht katholisch waren - und Havelange mit ungefähr derselben Inbrunst alle Mitarbeiter, die er  für korrekt, pflichtbewusst oder sonstwie weltfremd hielt.

 

Sep 2 / 9:43am

Bonustracks & Outtakes (34)

Die Version in der taz (http://bit.ly/qwy56u) war heute etwas kürzer, deshalb hier nun, vor allem angesichts der Außergewöhnlichkeit des Films, eine längere Rezension zu „Die Guantanamo-Falle“ (morgen im NDR Fernsehen, 23 Uhr):

Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem Murat Kurnaz nicht mehr bereit war, im US-Gefangenenlager Guantanamo die ständigen Fragen nach einer Verbindung zu Al-Qaida zu beantworten. „Wenn ihr es noch mal hören möchtet, spult die Bänder zurück und hört es euch noch einmal an.“ Er wurde hart dafür bestraft, dass er bei diesem Geständniserzwingungsspiel nicht mitgemacht hat: mit dem Entzug von Nahrung und Wasser. Kurnaz saß von 2001 bis 2006 unschuldig in Guantanamo, obwohl der CIA und dem BND seit 2002 klar war, dass er nichts verbrochen hatte.

Ende August jährte sich die Befreiung des Bremer Deutsch-Türken zum fünften Mal - das ist einer der Anlässe für die Ausstrahlung der 90-minütigen Dokumentation „Die Guantanamo-Falle“ im NDR Fernsehen am Sonnabend. Regisseur Thomas Selim Wallner erzählt aber auch hier zu Lande weniger Geschichten: die des spanischen Rechtsanwalst Gonzalo Boye, der vor einigen Jahren im Gefängnis gefoltert wurde, weil er vermeintlich mit der ETA kooperiert hatte, und nun versucht, sechs hochrangige Mitglieder der Bush-Administration wegen Folter und Kriegsverbrechen zur Verantwortung zu ziehen; die der Rechtsberaterin Diane Beaver, die ein Gutachten verfasste, in dem sie diverse brutale Verhörmethoden als legal einstufte; und die des einst in dem Camp tätigen Militärjuristen Matthew Diaz, der eine Liste mit den Namen von 550 Inhaftierten aus dem Lager schmuggelte, weil er es mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnte, das System Guantanamo zu stützen. Er saß deshalb sechs Monate im Gefängnis, später wurden ihm sämtliche Qualifikationen aberkannt, seine Existenz vernichtet. 

Es geht in Wallners Film, an dessen Finanzierung fünf TV-Sender beteiligt sind, nicht allein um den rechts- und moralfreien Raum Guantanamo, in dem immer noch 170 Menschen gefangen sind, sondern auch darum, dass Guantanomo für Menschen, die dort weder inhaftiert sind noch waren, eine Falle sein kann, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Wallner arbeitet einige Pointen heraus, die so unwirklich sind wie vieles, was rund um das Camp geschehen ist. Diaz und Beaver sind auf unterschiedliche Art Opfer eines Verrats geworden: Ersterer hatte seine Liste an die Menschenrechtsanwältin Barbara Olshansky geschickt, doch diese leitete den Brief ans FBI weiter, weil sie ihn für einen Scherz oder eine Falle hielt. Beaver wurde wegen ihres Folter-Gutachtens zum Sündenbock aufgebaut, damit höherrangige Verantwortliche aus der Schusslinie kamen. Für die irritierenden Informationen, die der Film vermittelt, findet Wallner adäquate Bild-Ton-Kompositionen: Wenn Kurnaz bei nächtlichen Autofahrten zu sehen ist, blendet der Regisseur Tonaufnahmen von Verhören im Camp ein; wenn der Ex-Gefangene in einem Bremer Imbiss mit dem Personal über seine Lage redet, nimmt er innen den Ton auf, postiert die Kamera aber draußen vor der Glasfront.

Bei allen Protagonisten dringt Wallner ins Private vor: Wir sehen, wie Kurnaz‘ Mutter sich beschwert, weil ihr Sohn beim Essen mit dem Besteck zu laute Geräusche macht, wir sehen, wie Beaver ihre Hunde in einem Plantschbecken mit dem Gartenschlauch abspritzt. Mit ihrer Sturköpfigkeit spielt sich Beaver hier in den Vordergrund. Dass die US-Regierung sie im „Krieg gegen den Terror“ geopfert hat, hält Beaver, Oberstleutnant a.D., nicht davon ab, diesen Krieg hat, erbittert zu verteidigen. Gleichzeitig sorgt Wallner dafür, dass sich Beaver hier auf eine Weise öffnet, die für eine politische Dokumentation unüblich ist und mit der man überhaupt nicht rechnet bei einer Person, die eine hohe Stellung beim Militär bekleidet hat. Beaver verliert die Fassung, als es um ihre private Einsamkeit geht. Sie habe „noch nicht den Richtigen gefunden“, schluchzt sie. Und so geschieht etwas, was man angesichts des Leidens in Guantanamo, das Beaver mitzuverantworten hat, eigentlich gar nicht möchte: Wallner zwingt einen geradezu, Mitleid zu haben mit dieser fürchterlichen Juristin - eine außergewöhnliche Leistung, aber eine, für die man Wallner kaum loben mag.   

Wenn man Aussagen nicht kommentiere, werde das als Zustimmung aufgefasst, sagt der Filmemacher. Deshalb habe Beaver sich bei ihm „geborgen“ gefühlt - „so komisch das klingt“. Er stellt das in einen größeren Zusammenhang: Wenn man derart viel erreiche, indem man jemanden zuhöre, sei das ein Indiz dafür, dass die Fähigkeit zuzuhören heute nicht mehr sonderlich ausgeprägt sei.

Aug 31 / 7:44am

Das waren die Achtziger (1)

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St. Paulis Ex-Spieler und Ex-Coach spielte von 1979 bis 1983 für Bayers Fußballfiliale.

Quelle: www.comicpeter.de (via @LizasWelt)

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Aug 2 / 9:15am

Bonustracks & Outtakes (33)

Am 1. August verstarb der legendäre St.-Pauli-Spieler Harald Stender. Das folgende Stender-Porträt ist in einer etwas kürzeren Version unter dem Titel „Wenn ein Tankwart Beethoven hört“ in der aktuellen Auflage von Wunder gibt es immer wieder. Die Geschichte des FC St. Pauli erschienen. Die erste Version erschien 1997.

 

„Mein Lieblingsspieler aus der heutigen St. Pauli-Mannschaft der 1980er und 1990er Jahre ist Klaus Thomforde. Ich konnte nie verstehen, was manche Leute gegen ihn hatten. Wie der sich in den Dienst der Mannschaft gestellt und es akzeptiert hat, hinter Ippig und Reinke auf der Bank zu sitzen - das war bewundernswert.” 

 

Dieses Bekenntnis Harald Stenders sagt auch viel darüber aus, was für ein Spielertyp er selbst war. Solidität, Einsatzwillen, Zuverlässigkeit - all das hat er 15 Jahre lang am Millerntor verkörpert, bevor er 1960 wegen beruflicher Überbelastung seine Karriere beenden mußte. Als 24jähriger war er, das ergab 1948 eine Leserumfrage der „Hamburger Morgenpost”, bereits der „beliebteste Sportsmann” der Stadt. 

 

Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist im nachhinein ein Rätsel. Jedenfalls ein medizinisches. Als Jugendspieler hatte sich Stender, 1924 nahe der Grenze zwischen St. Pauli und Altona geboren, einmal einen Bluterguss am Zeh zugezogen. Eigentlich harmlos, aber eigenartigerweise traten unmittelbar darauf Leistenbeschwerden auf, gegen die kein Arzt ein Gegenmittel fand. 

 

Einen potentiellen Höhepunkt seiner jungen Karriere erlebte Stender 1942 somit nur als Zuschauer. Die Hamburger Jugend-Auswahl bestritt in Berlin das Vorspiel für das Finale um die Deutsche Meisterschaft, das Schalke mit 2:0 gegen Vienna Wien gewann. Immerhin konnte er zu diesem Sieg einen Beitrag leisten. „Heinz Flotho, der Schalker Torwart, hat sich damals meine Hose ausgeliehen”, erzählt Stender. 

 

Als Soldat spielte der St. Paulianer dann nur Handball, Fußball war weiterhin nicht möglich. „Aber kaum war ich aus dem Krieg zurück, waren die Beschwerden weg”, erzählt Stender. Seine Frau Inge mutmaßt, die Schmerzen seien womöglich psychosomatisch bedingt gewesen seien und die Erleichterung über das Kriegsende der Grund für das fortan beschwerdefreie Kicken. Doch ihr Gatte hält diese Hypothese für „Quatsch“.

 

Als Höhepunkt seiner Karriere nennt Stender, der heute im dörflichen Duvenstedt lebt und gern Klavierkonzerte von Beethoven hört, die Halbfinalspiele um die Meisterschaft in der britischen Zone im Jahr 1948. Der FC musste zweimal gegen Borussia Dortmund ran, bis er als Endspielteilnehmer feststand. „Die Spiele sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, weil auf der Gegenseite August Lenz stand, und der war schon Nationalspieler, als ich noch ein Kind war.” Lenz, Jahrgang 1910, ist so etwas wie Dortmunds Ernst Kuzorra.

 

Ungern erinnert sich Stender, ebenso wie seine St. Paulianer Kollegen Schönbeck, Appel, Hempel und Zimmermann, hingegen an die Länderpokal-Vorschlussrunde im Januar 1950. 55 000 Zuschauer, die größte Kulisse, vor der eine Hamburger Auswahl nach 1945 aufgelaufen ist, wollten in Ludwigshafen die Pfalz siegen sehen. Und wurden vollauf befriedigt, denn die von Sepp Herberger betreute Mannschaft gewann gegen die Norddeutschen unerwartet hoch mit 5:0. Warum? „Der Platz war eine Eisbahn, und wir rutschten nur hin und her, weil wir Stollenschuhe trugen. Herberger dagegen war clever, der hat seine Leute mit Turnschuhen spielen lassen”, erzählt Stender. Der Läufer vom Millerntor, dessen Spezialität es damals war, den gegnerischen Spielmacher auszuschalten, hatte gegen Fritz Walter an diesem Tag nichts zu bestellen.

 

Ein besonders wichtiges Jahr in seinem Leben war 1951. Aus dreierlei Gründen: Er nahm an einem Sichtungs-Lehrgang für die DFB-Auswahl teil, zog sich im Februar bei einem 5:2-Sieg gegen Werder Bremen einen doppelten Schädelbasisbruch zu und kam - obwohl der Vereinsarzt nach dem Unfall noch konstatiert hatte, dass „da nichts mehr zu machen” sei - vier Wochen später gerade noch rechtzeitig aus dem Krankenhaus raus, um als Pächter eine Tankstelle in der Stresemannstraße, unweit des Millerntor-Stadions, zu übernehmen. 

 

„Natürlich war dieses berufliche Engagement meiner Laufbahn, vor allem im Hinblick auf mögliche Einsätze in der Nationalmannschaft, nicht gerade förderlich”, sagt Stender. „Es dürfte meiner sportlichen Entwickung allerdings mehr geschadet haben, dass ich später öfters die Positionen gewechselt und statt Läufer auch Halbstürmer und Rechtsaußen gespielt habe.”  

Das seltsamste Erinnerungsstück an seine sportlich stärkste Zeit ist eine Postkarte, 1951 geschrieben, aber erst 16 Jahre später abgestempelt. „Als 1967 Karl Miller beerdigt wurde, erzählte Sepp Herberger mir etwas von Genesungswünschen, die er mir hatte schicken wollen, als ich mit doppeltem Schädelbasisbruch im Krankenhaus lag. Aus irgendeinem Grund hat er sie ursprünglich nicht abgeschickt. Ein paar Tage nach der Trauerfeier hatte ich die Karte, unterzeichnet von allen Spielern, die 1951 beim 3:2 gegen die Schweiz dabei waren, dann tatsächlich im Briefkasten”, sagt Stender. War schon ein komischer Kauz, dieser Herberger.

 

Im Gegensatz zu anderen St. Pauli-Größen der 50er und 60er Jahre hat Stender den Kontakt dem Verein, dem er seit dem 1. April 1933 angehört, nie abreißen lassen. Bis 1994 hat er für eine Seniorenmannschaft des FC noch Punktspiele bestritten - und danach stand er noch einige Jahre dem Ehrenrat vor.

Jun 21 / 1:08am

Medien, Märkte, Meinungen (21)

Nach meinem Eindruck steht in Texten über das Totenkopfsymbol allzu oft der Piraten-Aspekt im Vordergrund, wobei die Piraten dann auch noch auf eine Weise idealisiert werden, die mit den historischen Gegebenheiten wenig zu tun hat. Nicht zuletzt deshalb ist in der aktuellen Jungle World Martin Schusters fünfseitigen Dossier „Im Zeichen von King Death. Eine kleine Ikonographie des Totenkopfs“ so lesenswert. Er betont:

„Während die klassischen Piraten gerade mal 30 Jahre lang, rund um das Jahr 1700, unter ihren Jolly Rogers segelten, blieb das Abzeichen für die nächsten 300 Jahre ein Bestandteil der militärischen Tradition (...) Ein heimeliges und wohliges Gefühl, den Genuss des militärischen Gehorsams, erzeugte der Schädel (...) bei seinen Trägern (...) Spätestens seit der Gründung des (Zweiten) Deutschen Reiches, im Krieg gegen Frankreich 1870/71 (an dem auch die preußischen Totenkopfhusaren mitwirkten), galt bei den Husaren ‚das eigenartige Abzeichen an der Stirn‘ als das ‚Zeichen der Treue bis in den Tod‘ (...) 

Und um noch kurz ins 20. Jahrhundert zu springen: 

„Wie der Erste Weltkrieg die Kriegsführung und das Töten radikalisierte, so radikalisierte sich auch das alte Husarenabzeichen. Nach der Tendenz, das Zeichen des Todes ausschließlich auf seinen Träger zu beziehen, erlangte es nun seine alte, aggressive Bedeutung zurück. (...) 

Zum Artikel: http://bit.ly/iohgkg

 

 

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Jun 14 / 3:09am

Bonustracks & Outtakes (32)

In der Funkkorrespondenz (FK), Ausgabe 20/11, erschien von mir ein Artikel zum 50-jährigen Jubiläum des Politmagazins Panorama und zum heutigen Start des Ablegers Panorama Nord. Weil er auf der FK-Seite nicht mehr frei online steht, stelle ich ihn nun hier zur Verfügung (in einer minimal abgewandelten Version). 

 Als am Montag, den 11. März 1974, um 20.15 Uhr im ersten Programm der ARD die Sendung „Panorama“ begann, bot sich dem Zuschauer ein ungewohntes Bild. Zu sehen war nur Jo Brauner - der damalige Sprecher der „Tagesschau“ saß im Vordergrund auf einem Stuhl. Ansonsten wirkte das Studio wie ausgestorben. Die Sendung begann schließlich mit einer Erklärung der Redaktion des Politikmagazins, die Brauner verlas. Hintergrund war ein vom NDR-Programmdirektor bereits abgenommener Film zum Thema Abtreibung, der kurzfristig dann doch nicht geendet werden durfte. Nachdem am Tag der Sendung ein Artikel in der Bild-Zeitung erschienen war, kam ARD-intern eine Debatte in Gang, die damit endete, dass die Mehrheit der Intendanten gegen die Ausstrahlung votierte. Und so las Brauner vor: „Peter Merseburger und die Autoren der Sendung betrachten die solchermaßen veränderte Panorama-Sendung nicht mehr als eine, die sie präsentieren und moderieren wollen. Die Moderationstexte werden deshalb verlesen.“ Merseburger war damals Redaktionsleiter, und dass die Autoren nicht im Studio waren, spielte eine Rolle, weil es seinerzeit Usus war, dass sie selbst ihre Beiträge anmoderierten. 

Immerhin lief am Freitag darauf um 20.15 Uhr im NDR Fernsehen eine fast zweistündige Diskussionssendung, in der auch die inkriminierte Film zu sehen war. Unter den Streitenden waren Alice Schwarzer, die Autorin des Beitrags, und der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, der die Absetzung des Films ausgelöst hatte, Interessant ist an diesem Fall nicht nur die Selbstzensur, sondern der transparente Umgang mit hausinternen Konflikten. Zur besten Sendezeit etwas über einen Streit ums Programm zu erfahren, wäre heute kaum denkbar. Die Sendung über den nicht gesendeten Film hatte ein Vorbild: Im August 1969 hatte man im NDR Fernsehen eine Diskussion ins Programm genommen, die sich um einen - allerdings tatsächlich gesendeten Beitrag - drehte, in dem der Autor Gerhard Bott der CDU vorwarf, sie versuche am rechten Rand Stimmen zu gewinnen. In der Sendung zum Film - direkt nach der Tagesschau im NDR Fernsehen zu sehen - saßen drei Vertretern von CDU/CSU und drei Journalisten.

Solche Besonderheiten werden in diesen Tagen noch einmal gewürdigt - Anlass dafür ist der 50. Geburtstag der Sendung, deren erste Ausgabe am 4. Juni 1961 lief. Rekapituliert wird die Historie der Sendung unter anderen in dem im Redline Verlag erschienenen Buch „Die Unbequemen. Wie Panorama die Republik verändert hat“, verfasst von der „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke. Die Geschichte von „Panorama“ sei „auch die Geschichte der Bundesrepublik“, und es gebe viele Geschichten zu erzählen, für die im Fernsehen kein Platz sei, sagt Reschke.

„Panorama“ gilt heute als Label für investigativen Journalismus. Im großen Stil sei die Sendung damit erst „nach der Wende“ aufgefallen, sagt Redaktionsleiter Volker Steinhoff. Vorher habe man nicht mit „Enthüllungen im eigentlichen Sinne“ für Schlagzeilen gesorgt, sondern mit „Tabubrüchen“ und „Majestätsbeleidigungen“. Kurz gesagt: „Früher haben wir die Welt verändert, ohne viel zu enthüllen.“ Im Umkehrschluss könnte das heißen: Heute enthüllen wir viel, ohne die Welt zu verändern. Aber das wäre vielleicht eine etwas zu böswillige Interpretation.

Schaut man sich beispielsweise den Beitrag zum Thema Abtreibung von 1974 an, fällt auf, dass dieser mit investigativem Journalismus tatsächlich nichts zu tun hatte. Im Zentrum stand eine Protestaktion gegen den Paragrafen 218, die Berliner Ärzte organisiert hatten. „Panorama“ hatte diese gefilmt, jede andere Fernsehsendung hätte dies auch tun können.

Als Beispiel für wahre Enthüllungen beziehungsweise „Primärrecherchen“, mit denen man „Politik gemacht“ habe, nennt Steinhoff die Arbeit zum Thema BND in Bagdad. Im Januar 2006 berichtete „Panorama“, dass Deutschland, entgegen der offiziellen Politik der rot-grünen Bundesregierung, sich 2003 sehr wohl am Krieg gegen den Irak beteiligt hatte, zumindest indirekt, weil der Nachrichtendienst BND den US-Militärs wichtige Informationen geliefert hatte. Der Beitrag hatte zur Folge, dass wenige Tage nach der Sendung zunächst ein parlamentarischer Kontrollausschuss einberufen wurde. Im April des Jahres beschloss der Bundestag dann sogar, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der schließlich drei Jahre tagen sollte. Teilaspekte des Themas in einer Sendung im Dezember 2010 noch einmal vertieft.

Dass besagter „Panorama“-Film eine große Wirkung hatte, ist offensichtlich. Interessant ist aber auch, dass Politiker solche Wirkungen nicht mehr als gefährlich wahrnehmen. In den 60er Jahren hatten die Parteien noch Angst vor „Panorama“, jedenfalls büßten mehrere Redaktionsleiter aus politischen Gründen ihren Posten ein. Gert von Paczensky beispielsweise, einer der Gründer der Sendung, musste seine Leitungsfunktion bereits 1963 aufgeben. Die CDU-Mitglieder im Verwaltungsrat hatten eine Vertragsverlängerung verhindert, indem sie diversen Sitzungen fern geblieben waren. 

1971 nahm der CSU-Politiker Franz Josef Strauß einen Beitrag in „Panorama“ zum Anlass, den NDR als „rote Reichsfernsehkammer“ zu bezeichnen, die die Zuschauer manipuliere. Solche Beschimpfungen sind selten geworden, in den Jahren 2002 beziehungsweise 2003 ließen Ronald Schill, damals Innensenator in Hamburg, und der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) diese fragwürdige Tradition noch einmal aufleben. Schill bezeichnete „Panorama“ als ein „Schweinemagazin“, das „Stasi-Methoden“ anwende. Kohl schimpfte, die Sendung habe „mit Journalismus nix zu tun“, einige ihrer „Machenschaften“ aber mit „Landesverrat“. Abgesehen von solchen verbalen Ausfällen gilt: „Heute lassen Politiker Panorama in Ruhe ... Ich persönlich kann mich an keinen Versuch der direkten oder indirekten Einflussnahme auf Panorama durch Staatskanzleien oder Ministerpräsidenten erinnern“, schreibt Reschke, die die Sendung seit 2001 moderiert. Das sollte den Machern auch zu denken geben, denn diese Gelassenheit könnte mit dem immer wieder konstatierten Relevanzverlust der politischen Magazine zusammen hängen. Wenn ein Film von „Panorama“ heute Auseinandersetzungen auslöse, fänden diese auf juristischer Ebene statt - das betont Frank Beckmann, Programmdirektor des NDR. Diese Entwicklung ist auch das Ergebnis einer verschärften Presserechtsprechung, die die Berichterstattung erschwert und spezialisierte Anwälte zu kleinen Medienbranchenstars werden lässt. 

Will man Unterschiede zu früher in den Blick nehmen, bietet sich unter medienjournalistischen Gesichtspunkten eine Äußerung Luc Jochimsens an, die in Raymond Leys Film fällt. „Früher gab es ja noch Rezensionen“, sagt die Journalistin und heutige Linken-Politikerin, die zwischen 1975 und 1985 der Redaktion von „Panorama“ angehörte. Diese Rezensionen erschienen am übernächsten Tag in der Zeitung. Das Genre solcher Nachkritiken hat zwar in der jüngeren Vergangenheit ein Revival erlebt, und zwar im Internet - was es sich mit sich bringt, dass diese Kritiken schon am Morgen nach einer Sendung erscheinen können. Bezeichnenderweise widmen sich diese Nachkritiken aber nicht Politmagazinen, sondern Talksendungen wie „Anne Will“ und „Hart aber fair“.

Auf eine letztlich wesentlichere Veränderung der Sendung weist Anja Reschke hin: „In den Anfangsjahren des Magazins war das Fernsehen tatsächlich noch Hort intellektueller Auseinandersetzung. Auch intellektuelle Größen wie Martin Luther King, Jean-Paul Sartre, Karl Jaspers oder Günter Grass waren zu Gast in unserem Studio und philosophierten über Menschenrechte oder die Zukunft der Demokratie. Diese Zeiten sind vorbei und derart ausführliche Gespräche möchte heute niemand mehr in politischen Magazinsendungen sehen.“ Als Beispiel für solche ausführlichen, sehr grundsätzlichen Interviews findet man in Leys TV-Dokumentation ein Gespräch Peter Merseburgers mit Herbert Marcuse, in dem es unter anderem darum geht, unter welchen Bedingungen Gewalt legitim ist. Warum nun will so etwas „niemand“ mehr sehen? Reschke schreibt: „Grund für den Niedergang des Fernsehens als intellektuelle Plattform ist neben der sich wandelnden Gesellschaft und ihrem vollkommen anderen Medienverhalten auch die Einführung des Privatfernsehens. Und das verdanken die Politiker sich selbst. Gerade die CDU wollte dem Fernsehen  politische Deutungshoheit entziehen, sodass man sich bewusst für eine schleichende Entautorisierung des Fernsehens entschied.“

Das ist nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Reschke blendet aus, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen ihren Beitrag zur Veränderung des „Medienverhaltens“ geleistet haben. Es ist ja nicht so, dass das Privatfernsehen in den 80er Jahren sozusagen die Macht übernommen hätte. Zudem muss sich - im Idealfall - die Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Magazins nicht all zu viel darüber grübeln, was „die Leute“ vermeintlich sehen wollen. Wenn sie der Auffassung ist, ein langes Interview mit einem bedeutenden Intellektuellen sei bei einem bestimmten Thema der beste journalistische Weg, dann sollte sie so selbstbewusst und souverän sein, es zu senden - ungeachtet der Befürchtung, das könne Zuschauer verschrecken. Das führt zu einer anderen Frage: Gibt es denn heute überhaupt noch Intellektuelle vom Range eines Jean-Paul Sartre oder Herbert Marcuse oder nimmt man ihre - vermeintlichen - Nachfolger nicht mehr wahr, weil sie in den Medien nicht mehr so zur Geltung wie einst die großen Denker der 60er Jahre?

Mittlerweile stellt sich die Situation auf dem Medienmarkt so dar, das „Panorama“ „Beiboote“ beziehungsweise „eine Familie“ braucht, wie Frank Beckmann es formuliert. Man habe sich vor einigen Jahren gefragt, „wie wir dieses Traditionsmagazin am Leben erhalten können“, erläutert Stephan Wels, Abteilungsleiter Innenpolitik beim NDR und zuständig für Panorama. 2008 startete das Presenter-Format „Panorama - Die Reporter“. Die bekanntesten „Panorama“-Geschichten der jüngeren Vergangenheit - über den Textildiscounter kik sowie den politisch bestens vernetzten Finanzdienstleistungsunternehmer Carsten Maschmeyer - liefen zunächst in der „Reporter“-Reihe im NDR Fernsehen. Später griff man die Themen dann in der Muttersendung auf, im Fall Maschmeyer, der zudem die bisher massivsten juristischen Attacken gegen „Panorama“ auslöste, auch mehrmals. Darüber hinaus entstanden eigenständige Filme zu kik und Maschmeyer für die Reihen „ARD exklusiv“ beziehungsweise „die story“.

Das neueste „Beiboot“ ist „Panorama Nord“, ein für norddeutsche Themen konzipierter Ableger. Zunächst sind drei Folgen vorgesehen, die am 14., 21. und 28. Juni um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen laufen. Der NDR spricht in diesem Fall von einem „Experiment“; keiner der Verantwortlichen mag sich derzeit zu Spekulationen darüber verleiten lassen, ob und unter welchen Umständen es nach den drei Folgen im Juni weiter gehen könnte. Experimente hätten es nun mal an sich, dass man nicht wisse, wie sie ausgehen, philosophiert Stephan Wels. 

„Es wundert mich, dass nicht auch ‚Monitor‘ Ableger testet“, sagt Andreas Cichowicz, Chefredakteur des NDR Fernsehens. Spin-offs wie „Panorama - Die Reporter“ oder „Panorama Nord“ resultieren unter anderen aus dem Wissen, dass es ein äußerst schwieriges Unterfangen ist, neue Sendeformate mit einem neuem Namen zu etablieren. Angesichts dessen gebe er lieber ein „Markenversprechen“ und mache „mein eigenes ‚Geolino‘ auf investigativ“, sagt Cichowicz launig. Er spielt damit auf Entwicklungen auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt an, an denen sich „Panorama“ orientiert. In der Printbranche ist die Gründung von Ablegern gang und gäbe. Das Monatsmagazin Geo (Gruner + Jahr) ist eines der aussagekräftigsten Beispiele dafür, wie sich eine „Markenfamilie“ ausdehnen lässt. Es gibt neun Ableger, die auf 8- bis 13-Jährige ausgerichtete Zeitschrift „Geolino“ ist einer davon. Auch von dem ebenfalls von Gruner + Jahr verlegte Magazin „P.M.“ existieren neun Ableger. Eine Zeit lang warb der Hamburger Großverlag für diese Ausdehnungsstrategie mit dem Schlagwort „Expand your brand“.

Die „Beiboote“ sind notwendig, um auf die Unübersichtlichkeit des Medienmarkts zu reagieren. Weil immer mehr Inhalte angeboten werden und immer mehr Absender hinzu kommen, reicht es nicht mehr, alle drei Wochen auf Sendung zu gehen. Indem man Ableger schafft, reagiert man überdies auf die Verhältnisse innerhalb der ARD. Zum einen auf die Verkürzung der Sendezeit auf 30 Minuten, die seit Januar 2006 gilt und es zwangsläufig mit sich bringt, dass die Redaktion weniger Themen unterbringen kann; zum anderen auf die ausgebliebene Reduzierung der Politmagazinmarken auf die bekanntesten - eine Idee, die der NDR befürwortete, als darüber in der Branchenöffentlichkeit noch ausgiebig diskutiert wurde. „Inzwischen ist die Debatte eigentlich tot“, sagt Cichowicz.

Hätte man sich in der ARD dazu durchringen können, einige Titel aufzugeben (was ja nicht bedeutet hätte, die jeweiligen Redaktionen aufzulösen) und die bekannteren Marken zu stärken, wäre für „Panorama“ der Ausbau der „Markenfamilie“ möglicherweise weniger dringlich gewesen. Vorstellbar sei auch das Format „Panorama - Interview“ - wenn auch nicht kurzfristig, wie Chefredakteur Cichowicz betont, denn derzeit herrsche in der ARD ja kein Mangel an „Interviewsendungen“. Gäbe es so ein Format, so spekuliert Cichowicz, könnte man vielleicht auch Politiker überzeugen, sich von „Panorama“ interviewen zu lassen. Viele von ihnen lehnen das derzeit ab, weil sie in einer Magazinsendung zuwenig „Fläche“ bekommen.

In diese Richtung argumentiert zum Beispiel Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der in Reschkes Buch zu Wort kommt: „Ich wäre immer bereit, folgende Vereinbarung zu treffen: Der Befrager ist mit im Bild, die Situation dauert fünf Minuten, und es wird nichts geschnitten. Dann gehe ich in jedes politische Magazin.“ Hier kommt eine Mischung aus Weltfremdheit und Selbstüberschätzung zum Ausdruck, denn kein Journalist, ob er nun für ein Politmagazin im Fernsehen arbeitet oder nicht, mag sich den Aufbau und die Gewichtung seines Betrags von einem Gesprächspartner vorschreiben lassen. Es mag sich also zwar etwas geändert haben an der Einstellung der Politiker zu „Panorama“. Falsche Vorstellungen von der Sendung haben sie aber offenbar immer noch.

 

 

Mar 25 / 7:42am

Bonustracks & Outtakes (31)

Aus einem Leserbrief von St.-Pauli-Mitglied Rainer Steinkamp an konkret zu meiner in der März-Ausgabe anlässlich der Sozialromantikerproteste gestellten Frage „Gibt es einen richtigen Fußball im falschen?“:

„Richtigen Fußball (kann) es nicht geben. Fußball ist Kapitalismus ist Fußball. Leistung lohnt sich, der Stärkere gewinnt, Konkurrenzkampf, Auslese, Arbeitsteilung ... Zentrale Charakteristika der Produktionsverhältnisse bilden sich nicht nur geradezu prototypisch für den Überbau im Fußball ab, die Sportart ist ohne auch gar nicht vorstellbar. Fußball ist Teil des falschen Leben im falschen, allerdings und zugebenermaßen ein faszinierender. In einem richtigen Leben wird es keinen Fußball geben. Was allerdings einer der wenigen Gründe ist, mit dem Kommunismus noch ein wenig zu warten.“ 

 http://bit.ly/hCaaNK (vorletzter Brief auf der Seite)

 

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Mar 25 / 7:41am

Medien, Märkte, Meinungen (20)

„The ongoing debate over anonymous comments on newspaper websites“ lautet die Überschrift eines Blogbeitrags von Martin Belam alias @currybet, der beim Guardian als „information architect“ fungiert. Der Text zeigt, dass es wichtig ist, dass die Debatte weiter geht. Das Wörtchen „ongoing“ in der Headline dürfte deutsche Leser im übrigen auch daran erinnern, dass die Diskussion hier zu Lande in etwas kleinerem Rahmen stattfindet.

Should journalists always read the comments underneath their articles?”

lautet eine weitere hier ventilierte Frage.

http://bit.ly/hIJnDs

 

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