Immerhin lief am Freitag darauf um 20.15 Uhr im NDR Fernsehen eine fast zweistündige Diskussionssendung, in der auch die inkriminierte Film zu sehen war. Unter den Streitenden waren Alice Schwarzer, die Autorin des Beitrags, und der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, der die Absetzung des Films ausgelöst hatte, Interessant ist an diesem Fall nicht nur die Selbstzensur, sondern der transparente Umgang mit hausinternen Konflikten. Zur besten Sendezeit etwas über einen Streit ums Programm zu erfahren, wäre heute kaum denkbar. Die Sendung über den nicht gesendeten Film hatte ein Vorbild: Im August 1969 hatte man im NDR Fernsehen eine Diskussion ins Programm genommen, die sich um einen - allerdings tatsächlich gesendeten Beitrag - drehte, in dem der Autor Gerhard Bott der CDU vorwarf, sie versuche am rechten Rand Stimmen zu gewinnen. In der Sendung zum Film - direkt nach der Tagesschau im NDR Fernsehen zu sehen - saßen drei Vertretern von CDU/CSU und drei Journalisten.
Solche Besonderheiten werden in diesen Tagen noch einmal gewürdigt - Anlass dafür ist der 50. Geburtstag der Sendung, deren erste Ausgabe am 4. Juni 1961 lief. Rekapituliert wird die Historie der Sendung unter anderen in dem im Redline Verlag erschienenen Buch „Die Unbequemen. Wie Panorama die Republik verändert hat“, verfasst von der „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke. Die Geschichte von „Panorama“ sei „auch die Geschichte der Bundesrepublik“, und es gebe viele Geschichten zu erzählen, für die im Fernsehen kein Platz sei, sagt Reschke.
„Panorama“ gilt heute als Label für investigativen Journalismus. Im großen Stil sei die Sendung damit erst „nach der Wende“ aufgefallen, sagt Redaktionsleiter Volker Steinhoff. Vorher habe man nicht mit „Enthüllungen im eigentlichen Sinne“ für Schlagzeilen gesorgt, sondern mit „Tabubrüchen“ und „Majestätsbeleidigungen“. Kurz gesagt: „Früher haben wir die Welt verändert, ohne viel zu enthüllen.“ Im Umkehrschluss könnte das heißen: Heute enthüllen wir viel, ohne die Welt zu verändern. Aber das wäre vielleicht eine etwas zu böswillige Interpretation.
Schaut man sich beispielsweise den Beitrag zum Thema Abtreibung von 1974 an, fällt auf, dass dieser mit investigativem Journalismus tatsächlich nichts zu tun hatte. Im Zentrum stand eine Protestaktion gegen den Paragrafen 218, die Berliner Ärzte organisiert hatten. „Panorama“ hatte diese gefilmt, jede andere Fernsehsendung hätte dies auch tun können.
Als Beispiel für wahre Enthüllungen beziehungsweise „Primärrecherchen“, mit denen man „Politik gemacht“ habe, nennt Steinhoff die Arbeit zum Thema BND in Bagdad. Im Januar 2006 berichtete „Panorama“, dass Deutschland, entgegen der offiziellen Politik der rot-grünen Bundesregierung, sich 2003 sehr wohl am Krieg gegen den Irak beteiligt hatte, zumindest indirekt, weil der Nachrichtendienst BND den US-Militärs wichtige Informationen geliefert hatte. Der Beitrag hatte zur Folge, dass wenige Tage nach der Sendung zunächst ein parlamentarischer Kontrollausschuss einberufen wurde. Im April des Jahres beschloss der Bundestag dann sogar, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, der schließlich drei Jahre tagen sollte. Teilaspekte des Themas in einer Sendung im Dezember 2010 noch einmal vertieft.
Dass besagter „Panorama“-Film eine große Wirkung hatte, ist offensichtlich. Interessant ist aber auch, dass Politiker solche Wirkungen nicht mehr als gefährlich wahrnehmen. In den 60er Jahren hatten die Parteien noch Angst vor „Panorama“, jedenfalls büßten mehrere Redaktionsleiter aus politischen Gründen ihren Posten ein. Gert von Paczensky beispielsweise, einer der Gründer der Sendung, musste seine Leitungsfunktion bereits 1963 aufgeben. Die CDU-Mitglieder im Verwaltungsrat hatten eine Vertragsverlängerung verhindert, indem sie diversen Sitzungen fern geblieben waren.
1971 nahm der CSU-Politiker Franz Josef Strauß einen Beitrag in „Panorama“ zum Anlass, den NDR als „rote Reichsfernsehkammer“ zu bezeichnen, die die Zuschauer manipuliere. Solche Beschimpfungen sind selten geworden, in den Jahren 2002 beziehungsweise 2003 ließen Ronald Schill, damals Innensenator in Hamburg, und der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) diese fragwürdige Tradition noch einmal aufleben. Schill bezeichnete „Panorama“ als ein „Schweinemagazin“, das „Stasi-Methoden“ anwende. Kohl schimpfte, die Sendung habe „mit Journalismus nix zu tun“, einige ihrer „Machenschaften“ aber mit „Landesverrat“. Abgesehen von solchen verbalen Ausfällen gilt: „Heute lassen Politiker Panorama in Ruhe ... Ich persönlich kann mich an keinen Versuch der direkten oder indirekten Einflussnahme auf Panorama durch Staatskanzleien oder Ministerpräsidenten erinnern“, schreibt Reschke, die die Sendung seit 2001 moderiert. Das sollte den Machern auch zu denken geben, denn diese Gelassenheit könnte mit dem immer wieder konstatierten Relevanzverlust der politischen Magazine zusammen hängen. Wenn ein Film von „Panorama“ heute Auseinandersetzungen auslöse, fänden diese auf juristischer Ebene statt - das betont Frank Beckmann, Programmdirektor des NDR. Diese Entwicklung ist auch das Ergebnis einer verschärften Presserechtsprechung, die die Berichterstattung erschwert und spezialisierte Anwälte zu kleinen Medienbranchenstars werden lässt.
Will man Unterschiede zu früher in den Blick nehmen, bietet sich unter medienjournalistischen Gesichtspunkten eine Äußerung Luc Jochimsens an, die in Raymond Leys Film fällt. „Früher gab es ja noch Rezensionen“, sagt die Journalistin und heutige Linken-Politikerin, die zwischen 1975 und 1985 der Redaktion von „Panorama“ angehörte. Diese Rezensionen erschienen am übernächsten Tag in der Zeitung. Das Genre solcher Nachkritiken hat zwar in der jüngeren Vergangenheit ein Revival erlebt, und zwar im Internet - was es sich mit sich bringt, dass diese Kritiken schon am Morgen nach einer Sendung erscheinen können. Bezeichnenderweise widmen sich diese Nachkritiken aber nicht Politmagazinen, sondern Talksendungen wie „Anne Will“ und „Hart aber fair“.
Auf eine letztlich wesentlichere Veränderung der Sendung weist Anja Reschke hin: „In den Anfangsjahren des Magazins war das Fernsehen tatsächlich noch Hort intellektueller Auseinandersetzung. Auch intellektuelle Größen wie Martin Luther King, Jean-Paul Sartre, Karl Jaspers oder Günter Grass waren zu Gast in unserem Studio und philosophierten über Menschenrechte oder die Zukunft der Demokratie. Diese Zeiten sind vorbei und derart ausführliche Gespräche möchte heute niemand mehr in politischen Magazinsendungen sehen.“ Als Beispiel für solche ausführlichen, sehr grundsätzlichen Interviews findet man in Leys TV-Dokumentation ein Gespräch Peter Merseburgers mit Herbert Marcuse, in dem es unter anderem darum geht, unter welchen Bedingungen Gewalt legitim ist. Warum nun will so etwas „niemand“ mehr sehen? Reschke schreibt: „Grund für den Niedergang des Fernsehens als intellektuelle Plattform ist neben der sich wandelnden Gesellschaft und ihrem vollkommen anderen Medienverhalten auch die Einführung des Privatfernsehens. Und das verdanken die Politiker sich selbst. Gerade die CDU wollte dem Fernsehen politische Deutungshoheit entziehen, sodass man sich bewusst für eine schleichende Entautorisierung des Fernsehens entschied.“
Das ist nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Reschke blendet aus, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen ihren Beitrag zur Veränderung des „Medienverhaltens“ geleistet haben. Es ist ja nicht so, dass das Privatfernsehen in den 80er Jahren sozusagen die Macht übernommen hätte. Zudem muss sich - im Idealfall - die Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Magazins nicht all zu viel darüber grübeln, was „die Leute“ vermeintlich sehen wollen. Wenn sie der Auffassung ist, ein langes Interview mit einem bedeutenden Intellektuellen sei bei einem bestimmten Thema der beste journalistische Weg, dann sollte sie so selbstbewusst und souverän sein, es zu senden - ungeachtet der Befürchtung, das könne Zuschauer verschrecken. Das führt zu einer anderen Frage: Gibt es denn heute überhaupt noch Intellektuelle vom Range eines Jean-Paul Sartre oder Herbert Marcuse oder nimmt man ihre - vermeintlichen - Nachfolger nicht mehr wahr, weil sie in den Medien nicht mehr so zur Geltung wie einst die großen Denker der 60er Jahre?
Mittlerweile stellt sich die Situation auf dem Medienmarkt so dar, das „Panorama“ „Beiboote“ beziehungsweise „eine Familie“ braucht, wie Frank Beckmann es formuliert. Man habe sich vor einigen Jahren gefragt, „wie wir dieses Traditionsmagazin am Leben erhalten können“, erläutert Stephan Wels, Abteilungsleiter Innenpolitik beim NDR und zuständig für Panorama. 2008 startete das Presenter-Format „Panorama - Die Reporter“. Die bekanntesten „Panorama“-Geschichten der jüngeren Vergangenheit - über den Textildiscounter kik sowie den politisch bestens vernetzten Finanzdienstleistungsunternehmer Carsten Maschmeyer - liefen zunächst in der „Reporter“-Reihe im NDR Fernsehen. Später griff man die Themen dann in der Muttersendung auf, im Fall Maschmeyer, der zudem die bisher massivsten juristischen Attacken gegen „Panorama“ auslöste, auch mehrmals. Darüber hinaus entstanden eigenständige Filme zu kik und Maschmeyer für die Reihen „ARD exklusiv“ beziehungsweise „die story“.
Das neueste „Beiboot“ ist „Panorama Nord“, ein für norddeutsche Themen konzipierter Ableger. Zunächst sind drei Folgen vorgesehen, die am 14., 21. und 28. Juni um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen laufen. Der NDR spricht in diesem Fall von einem „Experiment“; keiner der Verantwortlichen mag sich derzeit zu Spekulationen darüber verleiten lassen, ob und unter welchen Umständen es nach den drei Folgen im Juni weiter gehen könnte. Experimente hätten es nun mal an sich, dass man nicht wisse, wie sie ausgehen, philosophiert Stephan Wels.
„Es wundert mich, dass nicht auch ‚Monitor‘ Ableger testet“, sagt Andreas Cichowicz, Chefredakteur des NDR Fernsehens. Spin-offs wie „Panorama - Die Reporter“ oder „Panorama Nord“ resultieren unter anderen aus dem Wissen, dass es ein äußerst schwieriges Unterfangen ist, neue Sendeformate mit einem neuem Namen zu etablieren. Angesichts dessen gebe er lieber ein „Markenversprechen“ und mache „mein eigenes ‚Geolino‘ auf investigativ“, sagt Cichowicz launig. Er spielt damit auf Entwicklungen auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt an, an denen sich „Panorama“ orientiert. In der Printbranche ist die Gründung von Ablegern gang und gäbe. Das Monatsmagazin Geo (Gruner + Jahr) ist eines der aussagekräftigsten Beispiele dafür, wie sich eine „Markenfamilie“ ausdehnen lässt. Es gibt neun Ableger, die auf 8- bis 13-Jährige ausgerichtete Zeitschrift „Geolino“ ist einer davon. Auch von dem ebenfalls von Gruner + Jahr verlegte Magazin „P.M.“ existieren neun Ableger. Eine Zeit lang warb der Hamburger Großverlag für diese Ausdehnungsstrategie mit dem Schlagwort „Expand your brand“.
Die „Beiboote“ sind notwendig, um auf die Unübersichtlichkeit des Medienmarkts zu reagieren. Weil immer mehr Inhalte angeboten werden und immer mehr Absender hinzu kommen, reicht es nicht mehr, alle drei Wochen auf Sendung zu gehen. Indem man Ableger schafft, reagiert man überdies auf die Verhältnisse innerhalb der ARD. Zum einen auf die Verkürzung der Sendezeit auf 30 Minuten, die seit Januar 2006 gilt und es zwangsläufig mit sich bringt, dass die Redaktion weniger Themen unterbringen kann; zum anderen auf die ausgebliebene Reduzierung der Politmagazinmarken auf die bekanntesten - eine Idee, die der NDR befürwortete, als darüber in der Branchenöffentlichkeit noch ausgiebig diskutiert wurde. „Inzwischen ist die Debatte eigentlich tot“, sagt Cichowicz.
Hätte man sich in der ARD dazu durchringen können, einige Titel aufzugeben (was ja nicht bedeutet hätte, die jeweiligen Redaktionen aufzulösen) und die bekannteren Marken zu stärken, wäre für „Panorama“ der Ausbau der „Markenfamilie“ möglicherweise weniger dringlich gewesen. Vorstellbar sei auch das Format „Panorama - Interview“ - wenn auch nicht kurzfristig, wie Chefredakteur Cichowicz betont, denn derzeit herrsche in der ARD ja kein Mangel an „Interviewsendungen“. Gäbe es so ein Format, so spekuliert Cichowicz, könnte man vielleicht auch Politiker überzeugen, sich von „Panorama“ interviewen zu lassen. Viele von ihnen lehnen das derzeit ab, weil sie in einer Magazinsendung zuwenig „Fläche“ bekommen.
In diese Richtung argumentiert zum Beispiel Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der in Reschkes Buch zu Wort kommt: „Ich wäre immer bereit, folgende Vereinbarung zu treffen: Der Befrager ist mit im Bild, die Situation dauert fünf Minuten, und es wird nichts geschnitten. Dann gehe ich in jedes politische Magazin.“ Hier kommt eine Mischung aus Weltfremdheit und Selbstüberschätzung zum Ausdruck, denn kein Journalist, ob er nun für ein Politmagazin im Fernsehen arbeitet oder nicht, mag sich den Aufbau und die Gewichtung seines Betrags von einem Gesprächspartner vorschreiben lassen. Es mag sich also zwar etwas geändert haben an der Einstellung der Politiker zu „Panorama“. Falsche Vorstellungen von der Sendung haben sie aber offenbar immer noch.